Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2005-01-10 - 20:52 - Die Iowa State University und der Selbstversuch

Manchmal kommen Studien zehn Jahre zu spät und werden doch als Bestätigung der eigenen Ansicht erfreut zur Kenntnis genommen. Psychologen der Iowa State University haben festgestellt, daß eine falsche Meinung des Umfelds über eine Person das Verhalten eben jenes Menschen beeinflußt, bis er dem Bild schließlich immer mehr entspricht. Bedauerlicherweise scheinen vor allem negative Rückmeldungen zur Kenntnis genommen und schleunigst umgesetzt zu werden. Je mehr Leute Vorteile über eine Person pflegen, desto stärker ist natürlich der Einfluß des negativen Bildes. Für die Studie (die hier als PDF runtergeladen werden kann) hat man Eltern zum Alkoholkonsum ihrer Kinder befragt, aber das Ergebnis dürfte sich auf jedes beliebige andere Feld übertragen lassen.

Damit besagt die Studie genau das, wovon ich schon lange überzeugt bin und was mich direkt nach dem Abitur aus meiner Heimatstadt hat flüchten lassen, auch wenn das niemand verstehen wollte. Objektiv betrachtet überwogen damals vielleicht tatsächlich die Gründe für einen Verbleib in Bochum und in meinem Elternhaus, aber mein Gefühl sagte mir „nur weg von hier“. Ich hatte seit der Oberstufe das Gefühl langsam erstickt zu werden von der engen Schublade, in die ich selbst von Freundinnen gepackt wurde. Alles schien sich genau nach den Erwartungen meines Umfelds zu entwickeln, nicht aber nach meinen Vorstellungen. Ganz egal was ich unternahm, jede Veränderung im Aussehen oder Verhalten wurde konsequent ignoriert, bis ich mich schließlich innerlich ergab und die Tage bis zum Abi absaß.

Gut, ich wußte selbst nicht so richtig, wer oder was ich lieber sein wollte, ich wußte nur sehr genau, daß ich nicht die Position der ewig ungeküßten, blassen Bibliothekarin einnehmen wollte, für die man mich offensichtlich vorgesehen hatte. Ich war je nach Zielgruppe immer nur „die Tochter von ...“ oder der notorisch uncoole Bücherfreak, den niemand so richtig ernst nahm. Ich war unglücklich, entsetzlich unsicher, immer nur Mitläufer, ewig unverstanden und obendrein noch optisch aus dem Rahmen gefallen (ich könnte auch „häßlich“ schreiben, aber dann ruft mich gleich meine Mutter an und hält mir eine Predigt, für die ich heute leider keine Zeit habe). Wäre ich in Bochum geblieben, gäbe es Lyssas Lounge heute sicher nicht.

Ich bin ein paar Tage nach der Verleihung des Abiturs (zur Teilnahme an der Feierlichkeit ließ ich mich von meinen Eltern zwingen, Steven war der einzige, der sich seinen Kram konsequent per Post schicken ließ) erst nach Afrika und ein Jahr später dann nach Hamburg gegangen. Ich wußte auch dort noch nicht, was genau ich eigentlich mit mir anfangen sollte, aber ich war mir sehr sicher, daß ich unbedingt einen drastischen Bruch mit meiner Vergangenheit und einen kompletten Neuanfang brauchte. Ich wollte ein weißes Blatt sein für meine Umgebung, nicht eine unveränderliche Figur, die mit meinem Innenleben wenig zu tun hatte.

Die ersten paar Jahre habe ich dann mit verzweifelten Anpassungsversuchen und dem „Projekt Normalität“ verbracht, was natürlich grandios scheiterte und eine mittlere Katastrophe nach sich zog, die nächsten damit, meine partielle Schrägheit erst zu akzeptieren und mich dann schließlich mit ihr zu amüsieren. Zum Glück hatte ich hier Freunde, die jeden noch so absurden Wandel mitmachten, mir immer genug Raum für Veränderung ließen und es irgendwie schafften, jedes Lyssenupdate zu lieben, auch wenn ich selbst das nicht immer tat. Anders hätte das nicht so gut funktioniert.

Vielleicht kaue ich nicht nur der Studie wegen alte Geschichten wieder, sondern auch weil im Februar ein Treffen unserer ehemaligen Theatertruppe ansteht. Ich werde nicht nur ganz alte Bekannte wiedersehen, sondern auch in den zweifelhaften Genuß alter Videos kommen, die alle aus einer Zeit stammen, als ich mich selbst noch weniger ausstehen konnte als mein Umfeld das tat. Es dürfte spannend werden zu sehen, was für die anderen heute realer ist, das alte, auf Film gebannte Bild, oder die aktuelle Lyssa-Version (die übrigens entgegen anderslautender Vermutungen immer noch verdammt uncool ist).

70 Zwischenrufe | 9 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht