Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2005-01-16 - 23:04 - Miss Hyde und der Vokuhila

Du sollst nicht töten und schon gar nicht sonntags, am Tag des Herrn. Dabei würde ich gerade heute gerne jemanden töten. Am liebsten einen dieser widerlichen Kommentarspammer, die mir nachts, während ich gerade munter alpträume, Glücksspiel oder Glückspillen aufdrängen wollen. Aber mir wäre jedes andere Opfer genauso recht, solange bloß genug Blut fließt und ich dabei laute Kampfschreie ausstoßen kann.

Man würde auch sonst nicht unbedingt auf die Idee kommen, mir den Spitznamen Gandhi zu verleihen, aber dieses Ausmaß an Aggressivität ist mir fremd. Ich möchte alle paar Minuten irgend etwas treten, besser noch irgend jemanden und schon die Atemgeräusche eines Mitmenschen empfinde ich als unverzeihliche Ruhestörung. Ich kann weder meine Umwelt noch mich selbst ausstehen und bin nicht mal in der Lage zu entscheiden, was davon ich schlimmer finde.

Zu allem Überfluß scheint ausgerechnet heute auch noch die Sonne und am blaßblauen Winterhimmel ist nicht die kleinste Wolke zu entdecken. Anstatt selbstmitleidig auf dem Sofa zu liegen, durch die regennassen Scheiben in die Wohnung meines Apothekers zu starren und den Unwetterwarnungen im Radio zu lauschen, muß ich „das tolle Wetter nutzen, Kind“. Ich darf also meinen Hund zwei Stunden lang mühsam davon abhalten, in ausgewählte Beine der halben Million Menschen zu beißen, die sich mit aufdringlich glücklichem Gesichtsausdruck im Kriechtempo um die Alster schieben und dabei so tun, als hätten sie noch nie in ihrem Leben die Sonne gesehen.

Kaum sind wir heil und ohne eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen wieder in der Wohnung angekommen, steht Q vor der Tür. Für Sekundenbruchteile ist mein Mitleid geweckt, denn er ist ganz offensichtlich einem sadistischen Friseur in die Hände gefallen, der in einer ähnlichen Stimmung wie meiner zur Schere gegriffen und „pimp my haircut“ gespielt hat. Q aber ist ganz hingerissen von seinem eigenen Spiegelbild und mir ist es daher erfrischend egal, ob ein Vokuhila DER TREND schlechthin unter Fernsehfuzzis ist. Er sieht damit aus wie ein Kleingartenlude aus Wanne-Eickel, und das sage ich ihm auch gleich zur Begrüßung. Nur nicht ganz so höflich formuliert natürlich.

Es ist ganz offensichtlich an der Zeit, daß ich entweder auswandere oder mich einweisen lasse. Die Details sind mir egal, solange ich nur so weit weg bin, daß niemand auf die Idee kommt mich zu besuchen und die Menschen des Landes eine andere Sprache sprechen als ich. Oder aber ich so gut untergebracht bin, daß mich eh niemand mehr besuchen möchte und nur noch Menschen mit mir reden, die dafür angemessen entschädigt werden.

Als ich grad in meinem Kalender blättere, um ein Datum für die Abreise auszuwählen, fällt mir plötzlich auf, daß ich einfach nur meine Tage bekomme und an einem besonders schwerwiegenden Fall von PMS erkrankt bin. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die auf wundersame Weise genau zum Vollmond menstruieren und sich in fortwährender Harmonie mit ihrem Körper befinden. Mein Körper will immer nur Essen, Sex oder Schlaf und das bevorzugt zur Unzeit. Also ist es besser, wenn ich möglichst wenig auf ihn höre.

Und da ich glücklicherweise höchst selten an PMS leide, vergesse ich zwischendurch vollständig, welch Unheil so eine kleine hormonelle Schwankung in einem ansonsten halbwegs zurechnungsfähigen und gesunden Menschen anrichten kann. Dr. Jekylls Experiment ist ein Jahrmarktvergnügen dagegen. Aber so kann ich die Auswanderung noch mal ein paar Monate aufschieben und sollte nur während der nächsten zwei Tage menschliche Gesellschaft meiden. Zumindest die Gesellschaft, an der mir noch etwas liegt.

17 Zwischenrufe | 1 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht