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2005-01-20 - 01:03 - Und abends ein Rosinenbrötchen

Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen habe ich mein zweites Wohnzimmer gefunden. Der Laden ist fast nebenan, besticht schon optisch durch ochsenblutfarbene Wände, viel indirektes Licht und Ledersofas, überzeugt dann endgültig mit einer kleinen, aber sehr feinen Speisekarte und man fühlt sich dank der reizenden Inhaber (über die ich unbedingt noch mal gesondert schreiben muß) sofort wie zu Hause. Für den Hund liegen immer irgendwelche Leckerlis bereit, und ich werde mittlerweile mit einer Umarmung und „Hello darling“ begrüßt. Genau das Richtige gegen den vagen Phantomschmerz an einem schmuddelkalten Winterabend.

Als ich allerdings das letzte Mal dort essen war, beging Tina, die in meinen Hund vernarrte Wirtin, einen folgenschweren Fehler. Ich behalte meinen Hund nämlich grundsätzlich an der Leine und in meiner Nähe, wenn ich essen gehe (sofern ich ihn überhaupt mitnehme). Er würde andernfalls sofort in die Küche rennen oder essenden Gästen auf den Schoß springen. Beides ist schlecht für das Betriebsklima und für meinen Ruf sowieso. An besagtem Abend aber waren noch vier andere Hunde in dem Laden, und Tina ließ das Monster von der Leine. Meine Warnungen ignorierte sie.

Er marschierte erst zu einem riesigen Dobermann, um mal kurz klarzustellen, daß er trotz des eklatanten Größenunterschieds der Chef im Haus ist und trabte dann fröhlich in die Küche, aus der er sofort wieder rausgeworfen wurde. Nachdem er das Spiel ein paar Mal wiederholt hatte, sprang er verschiedenen Gästen auf den Schoß, ließ sich beglückt bekuscheln und von Tina mit Futter versorgen. Es schien sich aber niemand belästigt zu fühlen, zumindest gab es keinen lautstarken Protest, und ich entspannte mich.

Während des Essens vergaß ich alles um mich herum und so tauchte der Hund erst spät wieder auf meinem Radar auf. Dafür dann um so schneller, denn er rannte plötzlich geduckt von der Bar in die hinterste Ecke des Ladens und verschwand unter einem Sofa. Kein gutes Zeichen. Ich rannte also hinterher, soweit das gut gesättigt und leicht schläfrig möglich ist, krabbelte unter das Sofa und entriß ihm den letzten Rest seiner Beute.

Bei näherer Inspektion stellte sich das angekaute und leicht feuchte Etwas als kläglicher Überrest eines Rosinenbrötchens heraus. Ich erwog kurz, ihn das Brötchen einfach fressen zu lassen und mich zügig zu verabschieden, aber dann siegte die gute Kinderstube (und die Neugier). Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich mitten in den Raum zu stellen, den Brötchenrest hochzuhalten und laut zu fragen: „Vermißt hier jemand zufällig ein Rosinenbrötchen?“

Zu dem Zeitpunkt vermißte zwar noch niemand das Brötchen, aber eine ältere Dame an der Bar glaubte eins dabei zu haben. Hatte sie auch – fünf Minuten davor zumindest noch. Aber der Hund hatte still und heimlich den Reißverschluß an ihrer Handtasche geöffnet (wie auch immer er das bewerkstelligt hat), anschließend ein Loch in die Brötchentüte gekaut, das Brötchen vorsichtig herausgezogen und unter dem Sofa vernichtet.

Zum Glück hatte die Dame Sinn für Humor und war obendrein nicht besonders hungrig. Und zu meinem noch viel größeren Glück war Tina nicht etwa verärgert, sondern extrem amüsiert. Ich darf also weiterhin auf einem kuscheligen Sofa in meinem zweiten Wohnzimmer dem Winter trotzen und werde auch künftig Darling genannt. Zumindest von Tina, ihr Mann nennt mich in Anlehnung an den Spitznamen des Monsters beharrlich „Ms. Stinkemaus“. Das wird sich jetzt wohl erst recht nicht ändern.

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