Was ist eigentlich eine ehemalige Kaiserin fern von Land und Volk? Eine Exil-Kaiserin? Eine Ex-Kaiserin? Gar nichts mehr? Wird sie trotzdem noch mit „kaiserliche Hoheit“ angesprochen? Und wie ist das wohl, wenn man gleichzeitig gehaßt und glühend verehrt wird? Wenn das eigene Leben untrennbar mit der Geschichte eines Landes verwoben ist?
Alles Fragen, die ich mir normalerweise nicht stelle, schon gar nicht sehr früh am Morgen, wenn ich Mühe habe, mit der Zahnbürste zielgerichtet zu hantieren. Vorgestern aber wurde genau das plötzlich aktuell, denn die ehemalige Kaiserin des Iran, Farah Diba-Pahlavi, letzte Gattin des 1980 verstorbenen Schah Mohammed Reza Pahlavi, hatte ihren Besuch angekündigt. Nein, nicht bei mir zuhause, aber in Bochum, und ich war dank mütterlicher Intervention irgendwie in ihr Gefolge geraten.
Ich entschied mich für einen schlichten Hosenanzug, höfliche Zurückhaltung und unverständliches Gemurmel, bis ich mir irgendwo die korrekte Anrede abgucken konnte. Zum Glück war Your Majesty, wie es laut Gefolge hieß, schon bei der Begrüßung so warmherzig und angenehm unkompliziert, daß ich mir weitere Bedenken für andere Anlässe aufhob.
Ihr war am Abend zuvor der Steiger Award (warum heißen die Dinger eigentlich nicht mehr „Preis“?) für ihr karitatives Engagement verliehen worden und nun mußte am Montag ein adäquates Rahmenprogramm her. Zuerst stand ein Besuch der Sonderausstellung “Persiens antike Pracht“ im Bergbaumuseum auf der Tagesordnung, und es war kein Wunder, daß der Ehrengast sich sehr entspannt gab. Der große Rummel stand erst später an, ins Museum begleitete sie nur eine sehr kleine Gruppe, der Direktor selbst und ein Kamerateam des ZDF, das tatsächlich als Musterbeispiel an Zurückhaltung auftrat. Es gab keinen roten Teppich, kein Empfangskomitee, keine Hektik und nur ein paar Begleitfahrzeuge mit Sicherheitsleuten vor der Tür.
Die Ausstellung zeigte anhand von Fundstücken aus verschiedenen Epochen u.a. die Geschichte der Metallverarbeitung sowie die begleitende kulturelle Entwicklung. Das ist übrigens auch ohne royalen Plausch am Rande wirklich sehenswert. Farah Diba kannte einige der Ausgrabungsstätten noch aus ihrer Zeit als „Shahbanu“ (kaiserliche Herrscherin), war sichtlich gerührt, Ausstellungsstücke aus einem Teheraner Museum zu sehen und diskutierte länger mit dem Direktor über die Gefahr von Plünderungen bei großen Ausgrabungen und den zunehmenden Schmuggel von Antiquitäten.
Die Atmosphäre war geradezu familiär. Die kaiserliche Majestät plauderte mit dem Direktor über gemeinsame Bekannte aus alten Zeiten, fragte nach dem Befinden von diesem und jenem und erkundigte sich nach dem Stand diverser Projekte. Und immer schwang deutlich Stolz auf die reiche Geschichte und den kulturellen Einfluß Persiens mit – und natürlich die Hoffnung, eines Tages zurückkehren zu können.
Danach fuhr man in einer Kolonne zum Wattenscheider Kunstzentrum, wo der obligatorische rote Teppich ausgerollt war, eine große Pressemeute, örtliche Honoratioren und etliche Exil-Iraner seit Stunden in der Kälte auf die Kaiserin warteten. Das Kunstzentrum konnte es sich im Gegensatz zum Bergbaumuseum leisten, zur Begrüßung die alte kaiserliche Flagge zu hissen und die Iraner empfingen sie mit der alten Hymne.

An diesem Punkt fühlte ich mich zum ersten Mal wie in einem Film: Die Menschen hinter der Absperrung hielten kleine Plakate hoch mit „free all political prisoners“ darauf, warfen Blütenblätter (die sie mit ihren Pfennigabsätzen aufspießte und den Rest des Nachmittags unfreiwillig als Schmuck mit sich herumtrug), reichten ihr Blumensträuße, schüttelten unablässig ihre Hand und nicht wenigen liefen Tränen übers Gesicht. Ein Mann erzählte, er sei extra aus Holland angereist und hätte seit zwei Nächten vor Aufregung nicht schlafen können. Nichts für Menschen, die schon früher bei Sissi-Filmen nicht an sich halten konnten. Meine Mutter griff verdächtig häufig zum Taschentuch und murmelte etwas vom beißenden Wind.
Im Kunstzentrum besuchte sie zwei Klassen, erzählte Geschichten aus ihrer Zeit als Architekturstudentin in Paris, schüttelte noch mehr Hände, signierte ein Bild, das ein Wattenscheider Künstler von ihr angefertigt hatte und das später zugunsten der Unesco versteigert werden wird. Dann posierte sie freundlich für den Pressetroß und beantwortete geduldig wieder und wieder dieselben Fragen zum Steiger Award. Und egal was sie tat, sie war immer sehr höflich, gelassen und ungemein charmant. Und sie nutzte jede noch so kleine Gelegenheit, um auf die katastrophale Situation der Frauen in Iran aufmerksam zu machen.


Im Anschluß daran gab es einen Empfang mit den üblichen Reden, noch mehr Fotografen und einem kleinen Essen. Nach dem Essen wollte ich eigentlich nur kurz mit meiner Mutter reden, die am kaiserlichen Tisch saß, fand mich dann plötzlich neben Farah Diba selbst und ein paar Sekunden später schon verstrickt in eine Diskussion über Frauenrechte wieder. Ich hatte ein paar Sätze mit ihr im Museum gewechselt, aber nicht erwartet, die Gelegenheit zu einer richtigen Unterhaltung zu bekommen.
Sie erzählte von ihrem Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau zu Kaiserzeiten, über die rapide Verschlechterung der Situation seither und über aktuelle Fälle, von denen auch hier in der Presse zu lesen war. Über Schleierzwang, Vergewaltigungen, Steinigungen von 13jährigen und die komplette Abhängigkeit der Frau von den Männern ihres Haushalts. Aber wir sprachen auch über die Hoffnungen auf Veränderung durch die wachsende Unzufriedenheit in der jüngeren Generation, über die mögliche Unterstützung der Opposition von außen, über die Frage ob Dialog mit der Regierung oder Sanktionen hilfreicher seien.
Natürlich landeten wir schnell bei den Möglichkeiten, die das Internet bietet, trotz zahlreicher Versuche der Regierung, die Nutzung möglichst weit einzuschränken und trotz der vielen Berichte über die Verfolgung unabhängiger Journalisten. Sie sagte, daß sie große Hoffnungen in das Internet als Instrument der freien Meinungsäußerung setzt und plötzlich merkte ich, daß ausgerechnet ich, die es furchtbar findet, wenn Blogger nur noch über Weblogs reden können, mit der Kaiserin über die Bedeutung privater „journals“ rede.
Wir sprachen über die Macht von Communities im Internet, darüber, daß Schreiber nicht mehr so einfach unbemerkt „verschwinden“ können und darüber, wie der Druck auf die Familien ausgeweitet wird, wenn einzelne Personen sich dem Zugriff entziehen, indem sie etwa ins Ausland flüchten. Das Wichtigste sei, sagte sie eindringlich, die Menschen nicht zu vergessen und für „moral support“ von außen zu sorgen.
Dann seufzte sie kurz, drückte die Schultern durch und entschwand unter dem Beifall der Anwesenden, um sich für den nächsten Termin umzuziehen.
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