Ich gebe zu, daß es bei diesem Wetter sehr schwierig ist, einen angemessenen Grad an Schwermut aufrecht zu erhalten. Die Sonne versucht passend zum Karneval in Rio ein wenig brasilianisches Flair zu verbreiten, nur daß man hier stundenlang damit beschäftigt ist, sich immer noch mehr Kleidungsschichten über den ohnehin schon völlig verhüllten Körper zu zerren, anstatt die Kleidung einfach durch ein paar neckische Pfauenfedern zu ersetzen. Kurz, das Depri-Bloggen liegt auf Eis, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Extremitäten irgendwie warm zu halten. Eine gesunde Dosis völlig anspruchsloser, aber angenehm monotoner Umpf-Umpf-Musik und passendes Kopfnicken könnte auch dazu beigetragen haben, meine fehlfeuernden Synapsen wieder geradezurücken.
Der Hund zeigt sich ebenfalls erfreut über das schöne Wetter, vor allem aber freute ihn meine wiederentdeckte Lust an ausgedehnten Spaziergängen. Hochmotiviert tänzelte er daher mittags über den Bürgersteig und entlockte einer Kindergartengruppe damit ein vielstimmiges „oooh, ist der süüüß“. Im Kanon übertönten sie locker das frustrierte „nicht stehenbleiben, weitergehen“ der wenig freundlich dreinblickenden Erzieherinnen. Der Hund ließ sich geduldig von zahllosen Kinderhänden betatschen, tänzelte dann aber weiter, als er einsehen mußte, daß keines der Kinder nennenswerte Futtervorräte bereithielt.
Er war ungefähr fünf Meter weit gekommen, als ihm das ersehnte Futter genau vor die Füße sprang. Wir befanden uns in Höhe des spanischen Konsulats und die kleine Feldmaus versuchte noch verzweifelt, den steinernen Sockel des Konsulatszauns zu erklimmen und sich auf sicheres Territorium zu retten. Aber ach, zu spät. Die winzigen Füßchen kratzten kurz am Mauerwerk, dann schnappte der Hund zu und schüttelte das possierliche Nagetier, bis ein deutliches Krrrck vom Genickbruch kündete.
Die anschließenden Kaugeräusche gingen in einem Chor kindlichen Wehklagens unter. Der Hund hatte deutlich an Beliebtheit eingebüßt, und die Erzieherinnen warfen mir finstere Blicke zu. Ich wollte uns schleunigst vom Tatort entfernen, doch der Hund ließ bei dem Gezerre immer wieder seine Beute fallen. Die angekaute Maus aber in Sichtweite der heulenden Kinder liegenzulassen, schien selbst mir hartherzigem Bauernkind in dieser Situation pädagogisch wenig wertvoll zu sein.
Mir blieb gar nichts anderes übrig, als die Maus zunächst möglichst würdevoll in einem Taschentuch abzutransportieren und sie dem Hund erst im nächsten Hinterhof wieder zum Fraß vorzuwerfen. Hauptsache außer Reichweite des bösen Erzieherinnenblicks. Die Erzählungen der Kinder bei der Rückkehr zu ihren Eltern hätten mich dann aber doch noch interessiert.
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