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2005-02-10 - 02:13 - Warum Tudjman meist Pizza Margarita aß

Im April 1996 verschlug es Marc und mich nach Kroatien, mit einigen Abstechern auf bosnisches Gebiet. Es war unsere erste gemeinsame Reise und so ein Unterfangen kann eine zart keimende Freundschaft bekanntlich jäh beenden. Wir begaben uns in mehrfacher Hinsicht auf gefährliches Terrain.

Im Monat vier nach Dayton wirkte zumindest Zagreb auf den ersten Blick wie eine ganz normale Stadt. Es gab Restaurants, Nachtclubs und glitzernde Schaufenster in der Innenstadt mit denselben Markenartikeln, die man auch in jeder anderen größeren Stadt in der westlichen Hemisphäre kaufen konnte. Es war aber nicht unwahrscheinlich, daß man nach dem Bummeln und dem Erwerb einer ausländischen Tageszeitung in einem kleinen Café landete, einen Salat bestellte und beim Essen auf die Einschußlöcher in der gegenüberliegenden Mauer starrte.

Natürlich blieb dieser Luxus Ausländern und einer sehr kleinen, aber unglaublich reichen kroatischen Oberschicht vorbehalten, von der man leicht den Eindruck gewinnen konnte, sie alle seien um wenige Ecken mit Franjo Tudjman verwandt oder zumindest aber verschwägert. Das restliche Zagreb lebte anders.

Marc und ich teilten uns ein winziges Zimmer in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Dieses Zimmer war eigentlich das Schlafzimmer unserer Vermieter, die für die Zeit unseres Aufenthalts in andere Zimmer umgezogen waren. Der Hausherr schlief auf der Couch, seine Frau auf einer Matratze in der engen Küche. Auch das Schlafzimmer der Tochter der Familie war doppelt belegt. Sie mußte es sich aus Kostengründen mit einer Studentin teilen.

Die Badezimmernutzung erfolgte morgens im Schichtbetrieb, nach einem sorgsam ausgearbeiteten Belegungsplan, bei dem wir so wenig wie möglich zu stören versuchten. Zuerst badete der Vater, dann die untermietende Studentin, dann die Tochter und wie immer und bei allem zuletzt die Mutter. Am Wochenende schob sich gelegentlich noch der Sohn dazwischen, der nicht nur schon als Mann, sondern vor allem auch als Angehöriger der Armee weit oben in der Familienhierarchie stand.

Abends ging man natürlich nicht in einen der wenigen Clubs, sondern blieb zuhause, trank Schnaps, hörte Radio und spielte Karten. Diese Abende mit der Tochter, der Studentin, ihrem Freund und stundenlangen geradebrechten Konversationen in Englisch und Handzeichen waren übrigens die interessantesten des gesamten Aufenthalts.

Am Wochenende mieteten Marc und ich ein Auto und fuhren quer durchs Land Richtung Küste. Wir hatten kein bestimmtes Ziel vor Augen, sondern wollten einfach nur ans Meer und die erste Frühlingswärme genießen. Und wir wollten möglichst viel vom Land sehen und nicht einfach den direkten Weg nehmen. Also fuhren wir erst nach Süden, ein Stück durch Bosnien und schließlich eine halbe Ewigkeit auf engen Straßen entlang der felsigen Küste.

Je weiter wir uns von Zagreb entfernen, desto deutlicher waren die Spuren, die der Krieg hinterlassen hatte. Überall gab es Hauswände mit Schußnarben und verlassene Häuser mit schwarzen Löchern anstelle von Türen oder Fenstern. Manche Orte bestanden zur Hälfte aus Ruinen, andere waren komplett zerstört und verlassen. Als wir durch die Trümmer einer zerschossenen Kirche stolperten, packte ich meine Kamera endgültig weg, weil mir klar wurde, daß die winzigen Ausschnitte auf den Bildern nie das ganze Ausmaß der Zerstörung transportieren könnten, genauso wenig wie meine Erzählungen davon.

Egal ob Worte oder Bilder, ich würde nichts zustande bringen, was dem hier gerecht werden würde. Nichts, was nicht zwischen banal und pathetisch schwanken und mir schon drei Minuten später (also etwa ziemlich genau jetzt) unglaublich peinlich sein würde. Hier bildete ich zum ersten Mal nicht automatisch Sätze in meinem Kopf, um meine Umgebung für spätere Erzählungen zuhause abzuspeichern. Hier blieb mein Kopf leer, kapitulierte, weil ich nicht wirklich darauf vorbereitet war, daß sich die nüchternen Zeitungsberichte über wochenlang umkämpfte Hügel und zerstörte Ortschaften je in lebendige Bilder verwandeln würden.

An der Küste selbst war vom Krieg nichts mehr zu sehen, eigentlich war außer Landschaft und einigen malerischen Orten überhaupt nichts zu sehen. Vor allem keine Menschen. All die Orte, in denen früher der halbe Ruhrpott übersommerte, waren menschenleer. Die Pensionen hatten die Fensterläden geschlossen und die Restaurants die Türen verriegelt. Auch das Meer war leer, eine einzige blaue Fläche ganz ohne die üblichen weißen oder braunen Punkte in der Ferne. Auf unserem Spaziergang einen Hügel hinunter zum Meer begegneten wir nur einem alten Mann mit einem Esel. Als wir uns schließlich windgeschützt hinter einer niedrigen, halb verfallenen Steinmauer in die Sonne legten, fühlte ich mich wie in einem dieser trägen Bücher, die nur langsam dahinfließen und mehr von der melancholischen Stimmung als von einer Geschichte leben.

Irgendwann bekamen wir Hunger, liefen zurück zum Auto und folgten der kurvigen Straße bis in den nächsten größeren Ort. Dort gab es tatsächlich ein Restaurant direkt am Hafen, das schon wieder geöffnet hatte. Wir waren die einzigen Gäste auf dem großen, gemauerten Balkon und hatten freien Blick auf die Stadt, den Hafen und das Meer. Die Speisekarte war lang und bot vor allem Pizza, Pasta oder Fisch. Wir bestellten, doch der Kellner schüttelte nur den Kopf. Wir überlegten kurz, bestellten etwas anderes und ernteten wieder nur ein Kopfschütteln.

Nach dem vierten Versuch gaben wir auf und fragten, was er uns denn empfehlen würde. Pizza Margarita. Sonst nichts? Kopfschütteln. Er machte uns auch den Rest der Bestellung einfach. Es gab genau einen Rotwein und gar kein Dessert. Dafür aber den schönsten Sonnenuntergang des Jahres frei Haus und die beglückende Erkenntnis, daß ich mit Marc immer wieder verreisen würde. Wenn nötig, auch bis ans Ende der Welt. Oder vielleicht gerade bis ans Ende der Welt.

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