Zunächst ganz herzlichen Dank an Herrn S. aus B., der mir mit dem neuesten David Sedaris eine große Freude gemacht hat. Ich werde in Kürze wieder ein paar Tage bei meinen Eltern verbringen, und da ist es ratsam, ein Buch von ihm für Notfälle im Gepäck zu haben. Wenn ich verzweifelt auf meinen alten Kiefernbett hocke und das Gefühl habe, meine Mutter ist ... schwierig, dann reichen ein paar Familiengeschichten aus dem Hause Sedaris, um die eigene Familie wie einen harmlosen Streichelzoo aussehen zu lassen.
Aktuell ließ mich allerdings nicht meine Mutter, sondern einer meiner Leser an Sinn und Verstand in der Welt verzweifeln. Normalerweise zerre ich meine private Korrespondenz nicht derart an die Öffentlichkeit, aber dieser Mailwechsel ist einfach zu erstaunlich. Außerdem führte er mir mal wieder deutlich vor Augen, wie leicht dieses Medium die Illusion von besonderer Nähe entstehen läßt.
Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Leser aus Süddeutschland und schickte einen Strauß an Komplimenten. Ich bedankte mich freundlich, hielt meine Antwort aber eher kurz. Am Tag darauf erhielt ich eine endlos lange Mail, die große Teile der Lebensgeschichte besagten Lesers vor mir ausbreitete und einige seiner Pläne für die Zukunft offenbarte, in denen ich, wie mir langsam dämmerte, eine gewisse Rolle spielen sollte. Wir seien uns schließlich so ähnlich, und er fühle sich mir so nah.
Ich fühlte mich höchstens der Verzweiflung nah und mußte seinen Wunsch nach einem Treffen abschlägig bescheiden. Wirklich grobe Direktheit ist mir aber nicht gegeben, auch wenn einige Menschen aus meinem Umfeld das anders beurteilen würden, und so verwies ich zur Milderung meiner Ablehnung auf Zeitmangel und die große räumliche Entfernung. Ich hätte ihm lieber gleich verbal den Vogel zeigen sollen.
Als Antwort erhielt ich nämlich prompt einen Termin im März und eine Reservierungsnummer eines großen Frankfurter Hotels. Er sei auch gern bereit meinen Flug zu zahlen. Nur leider war ich so überhaupt gar nicht bereit, irgend etwas davon in Anspruch zu nehmen, dafür aber um so bereiter, den Ton meiner Absage zu verschärfen. Ablehnung war aber offensichtlich nichts, womit der selbsternannte Kavalier in den letzten 38 Jahren umzugehen gelernt hatte. Sein Ton wurde aggressiv:
Das ist ja so typisch. Hätte ich mir gleich denken können. Du bist auch nur eine von denen, die im Internet die coole, wagemutige Frau markieren und dann zum Mäuschen werden, wenn es ernst wird. Ich glaub zwar nicht, daß du mutig genug bist, aber vielleicht täusche ich mich da. Du kannst dir mein Angebot noch bis morgen mittag überlegen!!!
Mal ganz abgesehen davon, daß schon verloren hat, wer Ausrufezeichen so großzügig streut wie andere Leute Kamelle vom Karnevalswagen, weiß der Typ denn nicht, daß Appelle an den Mut aus dem Bodensatz der Trickkiste stammen und höchstens bei Johnny-Knoxville-Wannabes funktionieren? Ist man mit 38 nicht allmählich zu alt, um noch auf Kindergarten-Niveau zu operieren?
Meine Mutprobenphase endete als ich ungefähr acht war. Im Winter hatte ich meine älteren Cousins dabei beobachtet, wie sie auf einem nicht ganz zugefrorenen Flüßchen die Seetüchtigkeit einer Styroporkiste testeten und sich dabei sehr nasse Kleidung, Schüttelfrost und jede Menge elterlichen Zorn zuzogen (dieser Teil der Familie hielt nicht ganz so viel von antiautoritärer Erziehung wie meine Eltern). Schon da schien mir der Preis des Ruhms sehr hoch zu sein.
Trotzdem ließ ich mich ein paar Monate später dazu überreden, durch einen Abwasserkanal zu kriechen. Diese glorreiche Idee stammte von den etwas älteren Sikirsky-Brüdern, die damals häufig auf unserem Hof rumrannten in der Hoffnung, auch mal Trecker fahren zu dürfen, und die für das Ausbrüten wirklich schwachsinniger Ideen berüchtigt waren. Sie hatten am Feldrand einen Abwasserkanal entdeckt, bei dem jemand den Deckel beiseite geschoben und das Loch mit rot-weißem Absperrband markiert hatte.
Nun wirkt aber rot-weißes Absperrband auf Jungs in einem gewissen Alter wie eine unwiderstehliche Einladung, und so sahen sich die Sikirsky-Brüder gezwungen, den Kanal erst selbst zu inspizieren und dann mich runterzuschicken. Zumindest behaupteten sie, den Kanal gründlich erkundet zu haben, und ich war acht und glaubte ihnen. Die berechtigten Zweifel stellten sich etwas zu spät ein.
Ich kletterte also mit angststeifen Beinen diese kleinen Steigeisen herunter (leider war ich noch zu jung für gewisse Stephen King Bücher, sonst hätte ich gleich dankend abgelehnt) und kroch die geforderte Strecke durch die stinkende Brühe. Ich kam nicht mal auf die Idee, das ganze Prozedere abzukürzen und die Jungs anzulügen. Als ich wieder rauskrabbelte, gratulierten die Brüder mir und hielten auf dem Heimweg ehrfürchtig Abstand von mir, während sie mich sonst ganz gerne mal rumschubsten.
Zumindest glaubte ich, darin einen neugewonnenen Respekt erkennen zu können. Wahrscheinlicher ist, daß sie einfach möglichst viel Abstand zu meinem erbärmlich stinkenden Körper halten wollten. Ich war anschließend nämlich geraume Zeit damit beschäftigt, Toilettenpapierreste und andere unaussprechliche Dinge aus meinen hüftlangen Haaren zu pflücken und wurde noch Tage später mit gerümpften Nasen begrüßt.
Danach erklärte ich diesen Teil meiner Entwicklung für abgeschlossen und entschied, künftig lieber bequem im Sessel und absolut geruchsfrei von Mutproben anderer Leute zu lesen. Deshalb kann ich mich auch weiterhin ganz zufrieden in Tigerpuschen hinter meinem Blog verschanzen und auf Blindflüge ins Date-Desaster dankend verzichten. Zur Feier des Tages spendiere ich dem Herren aus Süddeutschland sogar noch drei Ausrufezeichen, unbefristet gültig!!!
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