Ich habe mich am Samstag heldenhaft durch Schneeschauer und vorbei an gefährlich unfähigen Autofahrern mit Sommerbereifung gekämpft, um pünktlich zum Treffen meiner ehemaligen Theatergruppe nach Bochum zu kommen. Und das alles, obwohl ich mir noch fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung nicht sicher war, ob ich daran wirklich teilnehmen wollte oder nicht. Schließlich war ich vor allem in meinen letzten beiden Schuljahren kreuzunglücklich. Die meisten meiner Mitschüler konnten mich nicht leiden und ich mich selbst noch viel weniger. Muß man sich die ungute alte Zeit wirklich noch durch solche Treffen in Erinnerung rufen, wenn man die letzten zehn Jahre ganz zufrieden ohne die meisten seiner ehemaligen Mitschüler gelebt hat?
Keine Ahnung ob man das muß, ich mußte. Ich habe nämlich diese perfide Neigung, schließlich genau die Dinge zu tun, die mir Angst machen. Ein Jahr bei Baptisten leben, auf Berge klettern, eigene Text öffentlich vorlesen oder eben auf solchen Treffen erscheinen. Ich fühlte mich auch prompt die erste Hälfte des Abends wieder so unbeholfen wie mit 18 und kann wohl getrost davon ausgehen, daß ein nicht geringer Prozentsatz der Anwesenden mich immer noch nicht ein Stück interessanter oder sympathischer findet als damals. Aber es gab auch angenehme Überraschungen und gute Gespräche mit Menschen, die ich tatsächlich gerne wiedersehen würde.
Der schlimmste Teil des Abends war allerdings ganz eindeutig die Filmvorführung. Unser alter Englischlehrer und Regisseur der Gruppe ist mittlerweile pensioniert und hatte trotz Bastelei an einem Sportwagen noch zuviel freie Zeit. Anstatt sie sinnvoll zu nutzen, hat er uralte Aufnahmen von 12 Inszenierungen mit rund 50 Aufführungen gesichtet und zu einem zweistündigen Best-of zusammengeschnitten.
Darunter unbestrittene Höhepunkte moderner Schauspielkunst wie die Aufführung, deren Beginn geraume Zeit verschoben werden mußte, weil die Aula in dichten Nebel gehüllt war. In der ersten Szene sollte ein wenig Nebel in Bodennähe über die Bühne wabern und für die richtige Atmosphäre sorgen. Zu diesem Zweck hatte uns der Discobesitzer-Vater eines Mitschülers eine Nebelmaschine geliehen, die wir offensichtlich zu großzügig bestückt hatten. Die weiße Suppe kroch schon vor Beginn unter dem Vorhang hervor und als dieser sich dann öffnete, konnte man trotz voller Beleuchtung nur zwei vage Umrisse auf der Bühne erkennen, deren Dialog vom verzweifelten Röcheln aus dem Zuschauerraum übertönt wurde.
Vermutlich war genau das einer meiner besten Auftritte. Ich hatte ja schon lange den Verdacht, nicht eben zu den talentiertesten Teilnehmern der Theatergruppe gehört zu haben, aber nachdem ich mich jetzt nicht länger davor drücken konnte die alten Aufnahmen zu sehen, ist mir absolut schleierhaft, wieso man mich überhaupt jemals auf eine Bühne gelassen hat. Wahrscheinlich gab es schon damals irgendwelche Antidiskriminierungsrichtlinien, die einen gewissen Prozentsatz hoffnungslos untalentierter Jungmimen als unumgängliches Minimum bei Schulaufführungen vorschrieben. Anders läßt sich mein Einsatz über die Jahre hinweg wirklich nicht erklären. Tragischer Höhepunkt meines Dilettierens dürfte ein Auftritt mit Familienhund gewesen sein, den ich aus gutem Grund längst verdrängt hatte. Es ist einfach zu schmerzhaft, von einem Dackel an die Wand gespielt zu werden.
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