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2005-03-29 - 15:47 - Guten Tag, Sie werden heute noch entsorgt.

An einem ganz normalen Werktag in meinem Elternhaus ans Telefon zu gehen, übertrifft meist alles, was ich als studentische Aushilfe beim Nachtdienst in der Psychiatrie zu hören bekommen habe. Mit dem Unterschied, daß meine wirren Telefonnotizen für meine Mutter einen geheimen Sinn zu ergeben scheinen, während auch die Ärzte nicht schlau wurden aus den Erklärungen, die ich auf Geheiß von Patienten über das erstellte, was ihnen Außerirdische durch die Heizungsrohre übermittelten.

9:05 Uhr. Das Telefon klingelt, ich hebe ab, melde mich trotz morgendlicher Kommunikationsunwilligkeit in freundlichstem Tonfall. Mein „Gesprächspartner“ am anderen Ende der Leitung hat eine Art militärischen Befehlston perfektioniert und bellt: „Guten Tag, XY hier, Sie werden heute noch entsorgt.“ Dann legt er grußlos auf und läßt mich verwirrt zurück. Ich notiere pflichtgemäß: „Wir werden heute entsorgt.“ Hoffentlich kann ich vorher wenigstens noch meinen Kaffee austrinken und den Hauptteil der Zeitung lesen.

9:12 Uhr. Eine ältere Dame mit brüchiger Stimme kann 15 Minuten reden ohne Luft zu holen und nutzt diese Zeit, um mir ausführlich zu erläutern, wie irgendwelche jugendlichen „Rabauken“, deren Eltern ihre erzieherischen Pflichten nicht ernst nehmen, sich nachts zum Rauchen auf dem Spielplatz in der Nähe ihres Schlafzimmerfensters treffen. Sie fühlt sich allerdings nicht so sehr vom Reden und Rauchen gestört, sondern vielmehr von den quietschenden Schaukeln. Ich habe keine Ahnung, was das mit meiner Mutter zu tun hat, halte aber auf Wunsch der Dame fest: „Bitte Schaukeln an der Soundso-Straße ölen.“

9:32 Uhr. Die nächste Anruferin ist offensichtlich ein großer Fan meiner Mutter, was nahelegt, daß sie nicht allzu oft mit ihr zu tun hat: „Ihre Mutta, ne, dat is ne ganz ne feine Frau, isdatt. Ich bin zwars nich in der ihren Verein, aber ne, sonne feine Mensch, du. Deshalb happ ich au die Genitalverstümmelung inne Briefkasten geworfen, ne. Datte dat am besten gleich rausnehme tus, ne. Nicht dattat noch eina klaut.“ Ich möchte lieber nicht so genau wissen, was da im Kasten lauert und ergänze daher einfach die Liste um „Genitalverstümmelung im Briefkasten“.

Man muß für einen mittleren Kulturschock nicht bis ans andere Ende der Welt fliegen. Manchmal genügt schon ein Aufenthalt im Ruhrgebiet. Und jetzt entschuldigt mich, das Telefon klingelt ...

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