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2005-04-06 - 18:38 - Wenn Apoll aus Klixbüll mal so richtig die Sau rausläßt

So eine Kieferentzündung ist nicht eben kreativitätsfördernd, genausowenig wie sonnige Wochenenden in Hamburg. Beides sorgt eher für extreme Reizbarkeit, und plötzlich ist mir klar, warum Menschen tablettensüchtig werden oder aufs Land ziehen. Dabei steht Sonne auf meiner persönlichen Hitliste ganz weit oben, Hamburg sowieso. Kombiniert man aber diese Dinge mit einem Sonntag nachmittag, verwandelt sich der Wunschtraum trüber Wintertage schnell in einen gut ausgeleuchteten Alptraum.

An einem sonnigen Wochenende marschieren gefühlte 500.000 Menschen gleichzeitig demonstrativ gut gelaunt in engen Kolonnen und Einheitstempo an der Alster entlang und finden das hach-so-erfrischend. Sie sind so beseelt von diesem Massenspaziergang, daß es ihnen auch nichts ausmacht, 45 Minuten in einer Schlange vor der Eisdiele zu stehen, um qualitativ fragwürdiges Eis zu überhöhten Preisen zu erstehen. Alles ganz egal, solange sie bloß hinter den dunklen Riesengläsern der neuesten Gucci-Sonnenbrille kritische Blicke auf ihre Mitmenschen werfen und die Minihintern in der eigenhändig aus NYC importierten Paper Denim spazieren führen können.

Man fragt sich verzweifelt, wo all diese Menschen sonst untergebracht sind, wenn sie nicht bei 11 Grad mit ihren Golf Cabrios die Straßen an Alster und Elbe verstopfen, um die ersten Sonnstrahlen zu erhaschen. Den Nummernschildern nach zu urteilen leben die meisten in „PI“ oder „NF“, wobei letztere gerne mit an Möwenschiet erinnernde Sylt-Aufkleber durch die Gegend fahren, damit alle wissen, daß sie direkt aus Kampen angereist sind und nicht etwa aus Klix-, Klanx- oder Kotzenbüll stammen.

Am schlimmsten aber, und das gebe ich nur sehr ungern zu, sind die Hundebesitzer unter all den solarienvorgebräunten Frühlingsenthusiasten. Während der Woche geben sie die handlichen Modehunde in die Obhut der Praktikantin ihrer kleinen Werbeklitsche oder lassen sie gleich von der philippinischen Haushälterin ausführen. Am Wochenende aber werfen sie dann selbst das Stöckchen und klatschen aufgeregt kichernd die manikürten Hände zusammen, wenn Zeus es kurz darauf hechelnd zu Frauchen zurückbringt. Zeus ist meist knöchelhoch, aber mit dem eigensinnigen Temperament eines Jack-Russel-Terriers ausgestattet und ungefähr so gut erzogen wie ein bengalischer Tiger in freier Wildbahn. Aber das wird gern vernachlässigt, schließlich paßt Zeus in die Louis-Vuitton-Tasche und ist soooo niedlich, der kleine Racker.

Eine Paradebeispiel für Sonntagshundehalter stapfte am letzten Wochenende mit altrosa Wildlederstiefeletten, an deren Pfennigabsätzen sich ganz wunderbar der Dreck der Alsterwiese sammeln konnte, sehr langsam auf mich zu. Der größte Teil ihres Gesichts verschwand hinter einer riesigen 70er-Jahre-Sonnenbrille, den Rest verdeckten die gut frisierten Haare mit den frisch gefärbten Highlights (das Wort Strähnchen darf man ja nur noch im Ruhrpott ungestraft verwenden). Ich hatte mich in frühlingshaftem Leichtsinn dazu hinreißen lassen, nebst dickem Buch und dünnem Hund auf einer Decke in der Sonne zu liegen und sah alles andere als perfekt gestylt aus.

Ihr Hund, ein Jack-Russel namens Apoll mit rosa Straßhalsband, lief vergnügt vorweg und zwar direkt auf meine Decke. Dort pinkelte er dann ohne Umschweife auf mein Buch (das einzige Hardcover, das ich seit Monaten gekauft habe) und rannte fröhlich weiter. Frauchen versuchte noch einen Bogen um die wütende Irre auf der Decke zu stöckeln, aber sie war zu langsam. „Das macht er sonst nie. Sie müssen ihn provoziert haben“, zwitscherte sie mit fuchsiafarbenen Lippen, die verdächtig nach Silikon aussahen. Ich fürchte, ich habe vor Lachen glatt das feuchte Buch auf ihre linke Stiefelette fallen lassen. Aber es bedurfte schwererer Geschütze, um tatsächlich Ersatz für das Buch zu bekommen.

Trotzdem läßt mich eines nicht los: Wie bitte provoziert man einen Köter zu solch einer Aktion? Böser Blick? Falsche Lektüre? Feuchte Aussprache? Apolls Frauchen wollte es mir partout nicht verraten.

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