Den ganzen Tag über auf allen Kanälen nur der Papst, bzw. betroffene Reporter mit bibbernder Unterlippe und jede Menge weinender Polen. Mir war lange nicht klar, wie wichtig der Papst für die Polen war. Klar, der erste nicht-italienische Papst seit einer halben Ewigkeit, und der bringt dann auch noch den Kommunismus quasi eigenhändig zu Fall – aber in deutschen Medien zog man es bis etwa drei Minuten vor Todeszeitpunkt doch vor, betont aufgeklärt-kritisch die andere Seite seines Pontifikats zu thematisieren: die gefährliche Ablehnung von Verhütungsmitteln, das Frauenbild, all die kleinen Zölibatskinder usw.
Daher war ich nicht darauf vorbereitet, daß mir der Papst bei einer Krakau-Reise an so ziemlich jeder Ecke begegnen würde, und die meisten Menschen nur mit diesem unheimlichen inneren Glühen von ihm sprechen konnten. Wir hatten z.B. einen ganz entzückenden Stadtführer, der jede Papst-Statue, jedes Gemälde, ja sogar jedes Photo des Papstes in einer Privatwohnung persönlich zu kennen schien. Mit heiliger Inbrunst wies er dann alle paar Minuten auf einen weiteren Ort des Gedenkens hin. Selbstverständlich erst nachdem er längere Zeit über die Lebens- und Wirkensgeschichte von Karol Wojtyla referiert hatte.
„Siieechen Sie hierrr“, sagte er dann ergriffen, „Statue von die Papst.“ Oder „seehrrr schönes Gemälde in Öll von die Papst.“ Und mit ganz besonderer Hingabe: „Siieechen Sie hierrr, Statue was hat der Papst perrrsönnlich gesehen bei letztes Besuch.“ Gelegentlich war diese Leidenschaft etwas irritierend, etwa beim Besuch eines alten Salzbergwerks außerhalb Krakaus. Er zeigte kurz auf einen unterirdischen Teich und machte eine wegwerfende Handbewegung, als er auf ein fast transparentes, echsenartiges Geschöpf deutete und gelangweilt sagte: „Siieechen Sie hierrr, Grrrottenolm.“ Dann eilte er weiter und sagte 30 Sekunden später mit der gewohnten Inbrunst: „Siieechen Sie hierrr, Statue von geliebtes Papst, was ist ganz aus Salz. Eine Wunnderrr.“
Kein Wunder wäre es, würde sich der hingebungsvolle Reiseführer dieser Tage unter den zahllosen polnischen Pilgern in Rom befinden. Da wundert man sich schon eher über das Auftauchen des Staatsoberhaupts von Zimbabwe in Rom, schließlich hatte die EU vor drei Jahren ein Reiseverbot gegen ihn und seinen politischen Clan verhängt. Und der in Unehren ergraute Kleptokrat Robert Mugabe, der sich seit Jahren dem längst überfälligen Ruhestand widersetzt, obwohl seine Auslandsrentenkasse mittlerweile mehr als nur gut gefüllt sein dürfte, ist im umgekehrten Fall einer unerlaubten Einreise in sein geliebtes Heimatland sehr leicht reizbar. Das konnten eben erst wieder zwei Journalisten des „British Sunday Telegraph“ feststellen, die einige Wähler interviewen wollten und dabei wohl vergessen hatten, daß man lästige Dinge wie Pressefreiheit zusammen mit anderen, ebenso lästigen Freiheiten in Zimbabwe längst abgeschafft hat.
Aber natürlich hat Mugabe dem Papst sehr viel zu verdanken, hat doch sein zeitgerechtes Ableben jeglichen Anflug von Medieninteresse an der dubiosen Wahl in seinem Land erlahmen lassen, weil statt dessen alle Augen stur nach Rom gerichtet werden mußten. Was soll man andererseits auch zu einer Wahl sagen, bei der 30 der 150 Parlamentssitze von vornherein nach Gutdünken des Präsidenten vergeben werden und fast alle Wahlbeobachter unerwünscht sind. Bei der angeblich bis zu einer Million Verstorbene trotz ihres bedauerlichen Zustands in Wählerlisten auftauchen und vermutlich dem geliebten Herrscher ihre Stimme geben dürfen, obwohl genau der sie vorher verhungern lassen hat – was übrigens die südafrikanische Regierung alles nicht davon abhalten kann, ihrem alten Freund Mugabe zu „friedlichen, glaubwürdigen und gut organisierten Wahlen“ zu gratulieren. Das dürfte allerdings wenig mit der Realität und sehr viel mit innenpolitischem Kalkül zu tun haben.
Immerhin will Mugabe angeblich anders als der Papst nicht in Amt und Würden bleiben, bis der Herr ihn abberuft, sondern 2008 zurücktreten. Bis dahin wird er wohl einen Nachfolger ernannt und dafür gesorgt haben, daß seine zahlreichen Menschenrechtsverletzungen nie vor ordentlichen Gerichten verhandelt werden können, so daß er seinen Ruhestand auch wirklich genießen kann. Man darf gespannt sein, wieviel Prozent seines Wahlvolkes bis dahin noch verhungert oder an AIDS gestorben sind, und ob es ihm gelingt, die Lebenserwartung noch unter die sensationell niedrigen 33 Jahre zu drücken, auf die sie von einst 56 Jahren (1985) gefallen ist.
Aber wie bin ich doch gleich dahin gekommen? Ach ja, „Siieechen Sie hierrr, seehhrr abschweifendes Blogeintrag, ganz ohne Bild von Papst.“
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