Klassischer Fall von zuviel Leben, um auch noch halbwegs zeitnah darüber zu schreiben. Daher heute ein weiterer Stakkato-Eintrag. Am Wochenende erst ein schlimmes schwules Straßenfest auf der Langen Reihe mit den Jungs, dann ein opulentes Mahl im Cox mit ausreichend Alkohol, um die Eindrücke vom Straßenfest wieder zu vergessen. Der Alkoholpegel des Taxifahrers war allerdings noch wesentlich höher als meiner, weshalb wir auch nur etwa 500 Meter weit kamen, bevor uns ein Poller am Straßenrand bremste. Mein Taxifahrerfluch hat erneut unbarmherzig zugeschlagen.
Sonntag dann körperliche Reanimation durch ausgiebiges Frühstück und geistige durch einen wieder mal sehr netten Nachmittag in der Rederei (von der es jetzt auch endlich das Buch zur Lesung gibt, damit Auswärtige sich nicht länger über verpaßte Gelegenheiten ärgern müssen). Abends dann die Weiterreise nach Bochum, wo der Wahnsinn mich mit turmhohen Wellen von den Füßen fegte.
Mein Vater wird nämlich heute 65 und muß auf Befehl meiner Mutter diesen Ehrentag angemessen begehen, was zur Folge hat, daß in knapp zwei Stunden etwa 200 Gäste bei uns einfallen werden. Einige besonders gewitzte Vertreter tauchten schon vormittags auf „weil man ja abends nicht so richtig dazu kommt, mal in Ruhe mit dem Jubilar zu plaudern.“ Den Gedanken, daß der Jubilar da vielleicht mit dem ununterbrochen bimmelnden Telefon verwachsen sein könnte und auch sonst noch genug Arbeit hat, haben sie vorsichtshalber verdrängt.
Die Scheune wird schon seit Tagen von kleinen Zwangsarbeitern geschrubbt, geschmückt und mit Tischen bestückt. Punkt sieben heute morgen durfte ich mich einreihen in ihr Heer. Die Gründung einer eigenen Interessenvertretung war bereits beschlossene Sache, doch dann bekam meine Mutter, Feldmarschall und Kriegsgericht in Personalunion, Wind davon und erstickte die Revolution im Keim. Brutalstmöglich natürlich.
Seither haben wir einen großen Teil des Gartens abgeholzt und die Birken-, Buchen- und blühenden Kirschzweige zu Dekozwecken in alte Milchkannen gestellt und in die Scheune geschleppt, diverse Blasen und Schnitte verpflegt, uralte bäuerliche Arbeitsgeräte abgestaubt und dekorativ über den Hof verteilt, noch mehr Blasen und Schnitte versorgt, zahllose Geschenke entgegengenommen und den Vodka gleich unter den Zwangsarbeitern verteilt, neue Blasen usw.
Die nette polnische Putzfrau ist schon um neun in Tränen ausgebrochen, hat vor Schreck gegen zehn den letzten Rest ihrer rudimentären Deutschkenntnisse („deutsches Sprache ist wie Wand, wo mein Kopf nix geht durch“) vergessen und um elf zum ersten Mal mit Selbstmord gedroht („mach ich Hakariri mit großes Messer“). Zuletzt wurde sie im hinteren Teil des Hauses gesehen, wo sie mehrfach „braunes Tisch, klein und heiß“ murmelte. Meine Mutter behauptet, sie hätte sie nur gebeten, ihr noch Stecknadeln aus dem Nähkästchen zu bringen. Wenn Ihr jetzt an glühende Nadeln unter Fingernägeln denkt, seid Ihr nicht allein.
Der Hund weigert sich derweil mein Auto zu verlassen und kann nicht verstehen, warum wir nicht längst auf dem Rückweg nach Hamburg sind. Und ich bete, daß ich das hier heute abend noch erleben darf:
Marinierter Tafelspitz vom heimischen Auerochsen in Tomaten-Kräuter-Vinaigrette
Scheiben vom Kalb mit grüner Sauce
Lachslasagne mit Blattspinat
Matjessalat nach Hausfrauen Art
Frisch vor Ort in riesigen Pfannen, bzw. auf dem Grill zubereitet:
Zarte Tournedos vom Wasserbüffel aus den Ruhrauen mit Pfeffersauce und Bohnenbouqet
Gebratene Blutwurstscheiben mit frischem Möhrengemüse, Stampfkartoffeln und braunen Zwiebeln
Herzhaft gewürzte Schweinefiletmedaillons
Dazu jede Menge Salate und ein großes Nachspeisenbuffet
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