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2005-05-09 - 01:09 - Nana Mouskouri und das Muttertagstattoo

Ich war nicht beim umjubelten Blogmich05 und schuld daran war Nana Mouskouri. Sie hatte ihre Weltabschiedstournee nämlich angekündigt bevor die Blogmich-Veranstalter sich zu diesem Schritt entschlossen. Daher hatte ich schon längst zwei Karten für das Hamburg-Konzert gekauft und an meine Mutter verschenkt. Nicht etwa weil ich ein Fan von Frau Mouskouri bin, sondern weil ich wußte, daß meine Mutter sich darüber sehr freuen würde, und ich nicht ganz uneigennützig hoffte, mich nebenbei von einem Kindheitstrauma befreien zu können.

Ich kann nicht behaupten, daß es bei uns übermäßig häufig „Weiße Rosen aus Athen“ zu hören gab, da waren zum Glück die Beatles, Louis Armstrong und Beethoven im Weg. Aber meine Mutter hatte schon immer eine Vorliebe für extravagante Brillengestelle und sah mit ihren langen Haaren und den kastigen, schwarzen Sehhilfen damals wie ein hauptberufliches Nana Mouskouri Double aus. Gelegentlich blieben die Leute auf der Straße stehen, flüsterten und zeigten mit dem Finger auf sie. Ich hätte jedes Mal in den Boden versinken können. Im Alter von fünf Jahren möchte man nicht, daß die eigene Mutter komische Brillen trägt (die man ganz ähnlich 25 Jahre später selbst tragen wird) und andere Menschen sie tuschelnd anstarren (genau genommen ist das heute nicht viel anders, aber dank einer langen Therapie habe ich es endlich gelernt, das als unabänderliche Tatsache des Lebens hinzunehmen – in einer Liga mit Menstruationsbeschwerden und nächtlichem Harndrang).

Da mein Vater mal wieder in letzter Minute dringende Termine vorgeschoben hatte, sah ich mich am Samstag ganz allein meiner vergnügungssüchtigen Mutter gegenüber. Und mir schwante Übles, als wir das CCH zusammen mit einer Horde Rentner in Ausgehuniform betraten, die reichlich Vorortcharme versprühten. Statt der üblichen Taschenkontrolle und Abtasten am Eingang nur eine Rolltreppe zu den Sitzplätzen im Parkett. So kann man unmöglich in Konzert-Stimmung kommen.

Wenig hilfreich ist es auch, wenn der unbekannte Sitznachbar eine ganze Flasche Korn ausdünstet und man sich, um überhaupt zum Sitznachbarn zu gelangen, an acht übergewichtigen Frauen in großformatig gemusterten, zeltartig geschnittenen Blusen vorbeidrücken muß. Das sind nämlich acht Gelegenheiten, um mit den Haaren an vergoldeten Broschen hängen zu bleiben. Broschen waren definitiv das Fashion-Must des Abends. Neben graublonden, leicht toupierten Haaren mit Wasserwelle.

Aber über Frau Mouskouri werde ich kein böses Wort verlieren, sie hat eine unerwartet große Show geliefert. Ja, man hört ihrer Stimme allmählich an, daß sie tatsächlich schon 70 ist, auch wenn sie die Energie von mehreren 30jährigen hat. Und ja, der eine oder andere Schlager blieb mir nicht erspart (bevorzugt vielstimmig vom Publikum intoniert, dabei dünstet der Korn dann noch schneller aus), aber in den insgesamt drei Stunden ist sie kreuz und quer durch die Musikgeschichte geturnt, hat in mindestens vier Sprachen gesungen und hatte vor allem sichtlich Spaß dabei.

Auch das Publikum überraschte. Anstatt auf den Plätzen hocken zu bleiben und mittelmäßig enthusiastisch zu applaudieren, wie Hanseaten das üblicherweise selbst bei großen Rockkonzerten tun (nur daß sie da eben stehen und andeutungsweise im Takt mit dem Kopf nicken), mußten diverse ältere Herren von den mit scheußlichen Zweireihern behängten Sicherheitsmenschen davon abgehalten werden, sich Frau Mouskouri weinend vor die Füße zu werfen. Sie durften statt dessen nur ganz gesittet weiße Rosen an den Bühnenrand legen und eine Freudenträne im Knopfloch tragen. Aus unerfindlichen Gründen war das weniger befremdlich als bei pubertierenden Boygroupenthusiastinnen.

Nach drei Stunden ging dann das Licht an und etwa Zweidrittel der Gäste machten sich „schahnu, issjaschonspät“ murmelnd auf den Heimweg. Der Rest drängelte zur Bühne, ignorierte konsequent die mit ersten Abbau-Arbeiten beschäftigten Roadies und klatschte einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und plötzlich ließ der Bühnenmensch alles stehen, das Licht ging wieder aus und Frau Mouskouri tauchte tatsächlich für eine allerletzte Zugabe wieder auf.

Meine Mutter hatte mittlerweile Appetit entwickelt und wurde ins Freudenhaus zum Mitternachtsmahl chauffiert. Danach hätte ich auch einfach zufrieden von der Bank rutschen und unterm Tisch einschlafen können, aber meine amüsierwillige Begleitung bestand auf angemessener Fortsetzung des Abenteuers. Das ließ sich entlang der Reeperbahn gar nicht so einfach bewerkstelligen, obwohl meine Mutter außerordentlich angeregt mit diversen Koberern plauderte. Als wir endlich einen Laden gefunden hatten, der nicht nur BWL-Studenten Mitte 20 und Alkopops im Angebot hatte, stieg ausgerechnet dort eine spärlich bekleidete Frau auf den Tresen, um das zu tun, was bei einer gewissen Sorte von Fernsehmachern als erotisches Entertainment durchgehen mag.

Das allein hätte uns nicht vertrieben, doch wir standen an der Theke und hatten ihre Beine direkt vor Augen. Auf den linken Unterschenkel hatte sie sich sehr groß das Bild ihrer beiden Kinder tätowieren lassen, ein bezopftes Mädchen und einen kleinen Jungen mit großen Manga-Augen. Das Werk war ganz frisch, aus der Nähe konnte man die schützende Klarsichtfolie unter der Netzstrumpfhose erkennen, und gelegentlich strich sie prüfend mit der Hand darüber und zog die Folie möglichst unauffällig wieder zurecht. Nicht unbedingt die übliche Muttertags-Symbolik und unter diesen Umständen eher deprimierend. Zeit zu gehen.

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