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2005-06-06 - 15:05 - Küß die Hand, Madame

Die Turf-Saison ist eröffnet (und wer noch nie auf einer Rennbahn war, sollte das ganz dringend mal einplanen, das Derby ist der Höhepunkt der Saison), und so durfte ich mir gestern ohne Rücksicht auf arktische Temperaturen und hohe Regenwahrscheinlichkeit einen eleganten Hut aufsetzen und meinen Vater auf die Rennbahn begleiten. Vor Beginn des Spektakels hatten wir aber zum Glück noch zwei Stunden Zeit, um gemeinsam Mittag essen zu gehen (angesichts der hervorragenden Verpflegung auf der Rennbahn nicht wirklich nötig, aber nur so kamen wir in den Genuß von Matjes und ruhiger Vatertochterzeit). Ich bin eine richtige Papa-Tochter, und wir reden sowieso sehr häufig und offen, aber nur sehr, sehr selten paßt alles so wie gestern. Wir waren früh dran und daher die einzigen Gäste im Restaurant, das Handy blieb aus, wir hatten scheinbar alle Zeit der Welt und beide Muße, um über sehr private Dinge zu reden. Auch wenn es jetzt nach Pathos müffelt: Ich fühlte mich reich beschenkt.

Das Frieren auf der Rennbahn blieb uns trotzdem nicht erspart und machte die Bekleidungsfrage schon im Vorfeld unnötig kompliziert. Saisonal korrekte Garderobe kam angesichts der 9 Grad Außentemperatur einfach nicht in Betracht. Mein Warmerhaltungsinstinkt ist stärker als meine Achtung vor der Etikette. Ich wollte schließlich auch Pferde sehen (denen das Wetter noch weniger behagte) und nicht nur in einem beheizten VIP-Zelt hocken. Statt leichter Flatterteile entschied ich mich also für hohe schwarze Stiefel, schwarzes Kleid, blutrote Jacke, Paloma-Picasso-Lippen und schwarzen Hut und fiel damit komplett aus dem vorherrschenden schlamm- und rosafarbenen Bekleidungsschema.

Die Damen guckten reichlich kritisch, die Herren dankten es mir mit einer fast schon unheimlichen Fixierung auf die Stiefel. Das erheiterndste Kompliment des Tages kam von einem wesentlich älteren Herren mit Bowler, der mich eine Weile musterte und dann zu meinem Vater sagte: „Sie haben aber eine wirklich gut gewachsene Tochter.“ Inmitten all der Vollblut-Züchter hätte es mich überhaupt nicht gewundert, wenn er „gerade Beine, schlanker Hals und gutes Gebiß“ nachgeschoben hätte.

Diese Sorte Bowler-Träger und die hohe Adelsdichte stellt mich sowieso jedes Jahr wieder vor ein gewisses Luxusproblem: Die Rennbahn ist nämlich eines jener Biotope, in denen der Handkuß den Wandel der Zeit überlebt hat. Ich habe nichts gegen einen formvollendet ausgeführten Handkuß, nur leider weiß man nie so recht, woran man im konkreten Fall ist. Ungefähr die Hälfte der Männer schüttelt bei der Begrüßung ganz normal die Hand, die andere ergreift vorsichtig die Hand, führt sie ein Stück zum Mund und beugt sich dann mit einem angedeuteten Kuß darüber. Leider habe ich einen recht entschlossenen Händedruck, der nicht so richtig zu der zarten Eleganz eines Handkusses passen will und muß dann oft in letzter Sekunde den Schwung abbremsen, was überhaupt gar nicht elegant ist und entsetzlich unsouverän wirkt. Von der großen Lady zum noch größeren Bauerntrampel in Zehntelsekunden. Oh, my glamourous life.

Das stille in-der-Ecke-sitzen und Beobachten der Umgebung entschädigt allerdings für jegliches Ungemach. Da ist z.b. die Frau mit dem Lippenstift, der eine Spur zu laut ist und dem Augen-Make-up, dessen etwas zu scharfe Konturen nicht verbergen können, daß ihre komplette Mimik, insbesondere die der Augen, festgezurrt und angetackert ist. Als sie mit ihren künstlichen Cruella-Fingernägeln den Kopf des Kindes einer Bekannten streichelt, bekommt der Junge in dem brechreizinduzierenden Kleine-Erwachsene-Outfit vor Entsetzen ganz große Augen und versteckt sich unter dem Tisch. „Ach wie schüchtern, niedlich“, gurrt die Abgewiesene.

Das Essen ist hervorragend, aber die Produzenten sind ganz eindeutig keine Caterer und reagieren beleidigt auf den ungeordneten Ansturm der Gourmets, die anders als im Edellandhaus nicht warten wollen und dann auch noch die Frechheit besitzen, kaltes Essen zurückgehen zu lassen. Die Nachspeise ist leider nur in Etappen erhältlich. Entweder sind die Quarkbällchen in Mandelhülle grad fertig oder aber die Sabayone zu den Erdbeeren. Alles zeitgleich, so wie es auf der Karte steht, gibt es nie. „Aber von der Vorspeise haben wir noch.“ Na, dann nehme ich eben den Kaviar zu den Erdbeeren, wird schon gehen.

Oder der ältere, dezent ergraute Herr im Nadelstreifenanzug, der seine Barschaft, wie hier allgemein üblich, in einer Geldklammer bei sich trägt und Wetten nie unter 200 Euro abschließt. Wenn er sich unbeobachtet wähnt und nicht grad die Quoten studiert, klaubt er gern Essensreste mit den Fingern aus den Zähnen, studiert sie eingehend und führt die ihm genehmen Bröckchen dann endgültig der Verdauung zu. Ja, auch das gibt es im VIP-Zelt unter den Reichen und Schönen in Schlammrosé.

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