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2005-06-15 - 16:11 - Lalah und die Leichtmatrosen

Das Wochenende war vor allem eins: saukalt. Ich habe fast ständig gefroren, was ich mir heute kaum noch vorstellen kann, denn es sommert sich endlich ein, und ich winke höchst zufrieden mit den Zehen in den kleinen Sonnenfleck unter meinem Schreibtisch. Aber am Sonntag hab ich tatsächlich meinen schweren Wintermantel und die gefütterten Stiefel vom Dachboden geholt und trotzdem noch gefroren.

Die Herren von der Rederei hatten nämlich zur Lesung auf das Dach eines Parkhauses in Altona geladen und wenn diese Herren gute Ideen haben, ignorieren selbst Frostbeulen wie ich todesmutig das widrige Wetter und sind pünktlich zur Stelle. Dabei wäre so eine Lesung mit freiem Blick über die halbe Stadt an sich eine ganz hervorragende Idee, wenn denn bloß die Stadt, bzw. das stadtübliche Wetter mitspielen würde. In Freiburg könnte ich mir das durchaus vergnüglich vorstellen. In Hamburg aber mußte man vom Dach auf das darunter gelegene Parkdeck umziehen, um die Technik vor dem prasselnden Dauerregen zu schützen, der glitzernde Flüsse über den Boden trieb. Mit jedem Zentimeter, den sich die Flüsse vorarbeiteten, fiel meine Körpertemperatur. Hätte Herr Hebig mir nicht regelmäßig Heißgetränke eingeflößt, wäre ich wohl vom Stuhl gesackt und hätte glatt die unglaubliche Lalah verpaßt. Die blonde Frau im Schanzenlook hatte kaum den Mund aufgemacht und die ersten Zeilen gesungen(!), da saßen plötzlich alle Anwesenden ein wenig aufrechter, guckten noch ein wenig aufmerksamer und vergaßen vorübergehend die höllischen Wetterverhältnisse.

Hätte man Lalah anstelle der geschmacksgeschädigten DJs für den CSD am Vortag gebucht, wäre vielleicht auch dort noch so etwas wie Begeisterung aufgekommen. So aber mühten sich in diesem Jahr ein paar unerschütterliche, vierfünftelnackte Jungs vergeblich, den Passanten unter ihren schwarzen Schirmen Lust und Lebensfreude näherzubringen. Selbst Amüsierwillige wie ich stellten sich lieber in Einkaufspassagen unter anstatt mit der Parade zu ziehen. Denn vernünftig bekleidet war ich natürlich erst am Sonntag. Als Frau entwickelt man im Laufe der Zeit die bemerkenswert evolutionsfeindliche Fähigkeit, die tatsächlichen Gegebenheiten seiner Umgebung zu ignorieren und sich bei der Wahl der Kleidung von der eigenen Lust und nicht von den Außentemperaturen leiten zu lassen.

Dementsprechend blieb der Wintermantel im Schrank. Ich besaß immerhin noch genug Geistesgegenwart, mir eine dicke Wolljacke über das Korsett zu ziehen und mich von einem toten Kaninchen wärmen zu lassen, was natürlich nur begrenzt gegen die Kälte half, die unter den ziemlich kurzen Rock kroch und sich dabei weder von Stiefeln noch von Netzstrümpfen aufhalten ließ. Dieses unvernünftige Outfit könnte übrigens dazu beitragen, das ungeliebte Bild der „big bad Germans“ im Ausland zu festigen und damit die PR-Bemühungen unseres Außenministers unterlaufen.

Auf dem Weg zum Taxistand begegnete mir ein Trupp japanischer Touristen, die aufgeregt das tuckige Treiben auf dem Straßenfest dokumentierten. Ihr Blick wanderte kollektiv von den Stiefeln hoch bis ungefähr zum Bauchnabel und dann zurück zu den Stiefeln. Im nächsten Moment war ich umringt und durfte mit jedem einzeln für ein Erinnerungsfoto posieren. Alle hätten bequem unter meinem ausgestreckten Arm stehen können und alle legten den Kopf ein bißchen in den Nacken, um mich anzugrinsen. Es hätte mich überhaupt nicht gewundert, wenn jeder in der nächsten Sekunde ein Halsband umgelegt und mir die passende Leine in die Hand gedrückt hätte. Seien Sie froh, Herr Minister, daß ich wenigstens nicht die schweren Anti-Riot-Boots trug, sonst hätten Sie den Etat für die „Deutsche sind sehr nett und weitestgehend harmlos“-PR gleich verfünffachen müssen.

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