Ich liege recht spärlich bekleidet in der Sonne im elterlichen Garten, gehe Texte für die Lesung heute abend durch und frage mich verzweifelt, warum mich noch nie jemand auf meine offensichtliche Schreibschwäche aufmerksam gemacht hat. Natürlich ist kurz vor der Lesung jeder Text schlechter als nur schlecht und in wenigen Stunden wird sich zu der Schreib- sicherlich auch noch eine Leseschwäche gesellen. Ich habe nie behauptet, mich in allen Lebenslagen sonderlich erwachsen zu verhalten.
Meine Mutter unterstützt mich nach Kräften, indem sie aus abgelegenen Teilen des großen Gartens in regelmäßigen Abständen Anweisungen brüllt. „Langsamer“ etwa oder „deutlicher“ oder gerne auch „du verschluckst die Satzenden“. Ich bin irritiert, weil ich inzwischen einzuschlafen drohe, wenn ich noch langsamer lese und wie eine Lehrerin im WDR-Telekolleg „Deutsch für Ausländer“ klinge, wenn ich die Satzenden noch deutlicher artikuliere. Dann kommt meine Mutter zurück in Sicht- und wohl auch in Hörweite und fragt freundlich: „War das hilfreich? Ich hab eh kein Wort von dir gehört, dachte aber, ich mach dich mal auf die häufigsten Fehler aufmerksam.“ Zum Glück ist es zu warm für körperliche Auseinandersetzungen.
Dann greift sie zu einer überdimensionierten Heckenschere und beginnt, sehr resolut die trockenen Stellen am Rhododendron herauszuschneiden. Dabei verspricht sie heute abend auch anwesend zu sein und legt die Regeln fest: „Und wage – schnipp – ja nicht – schnapp – böse Geschichten – rrrratsch – über deine Familie zu lesen. Schnippschnapp. Ich steh sonst auf – die Heckenschere klappert eindrucksvoll – und erzähl mal selbst ein bißchen. Rrratsch. Und enterbt – schnipp – wirst du sowieso.“ Schnapp.
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