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Blogtalk Reloaded

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2005-06-30 - 18:53 - Wir wollen uns wohl bemühen

Die Tür zum Flur in dem kleinen Ferienhaus an der Nordsee quietscht ganz furchtbar. Darauf wäre ich allein nicht so schnell gekommen, aber freundlicherweise haben mich Kind I und II am Morgen nach meiner Ankunft gleich durch rhythmisches Ruckeln an der Tür darauf aufmerksam gemacht. Um 6:24 Uhr. Also lange nachdem sie routiniert ihr Repertoire an munteren Kinderliedern dargeboten und mit ihren kleinen Fingerchen den Zustand der zitternden Hundeohren kontrolliert hatten. Eigentlich ist auch eher ihre Mutter, die wunderbarste Frau ever und Grund meiner Kurzreise, für das frühmorgendliche Quietschen verantwortlich. Sie hatte nämlich nach nur etwa drei Stunden Schlaf den Gesang ihrer engelsgleichen Kinder mit für die Uhrzeit erstaunlich präzisen Zischlauten unterbunden und die Brut auf den Flur gejagt. Das alles mit geschlossenen Augen und natürlich nur aus Rücksicht auf meinen komatösen Zustand.

Jene Rücksicht gebietet auch, daß es erst eine Stunde später, also um 7:24 Frühstück gibt, was meinen Magen aber auch nicht zur Aufnahme der angebotenen „Töstchen“ inspirieren kann. Den Hund versöhnen die wundersam unter den Tisch fallenden Brocken allerdings vorübergehend mit seiner Rolle als bevorzugtes Kuscheltier. Zumindest bis Kind I ihn resolut am Geschirr packt und über die Straße zu den ehrfürchtig staunenden Nachbarskindern Lara und Schwierig schleift. Schwierig heißt bestimmt ganz anders, doch ihr richtiger Name ist weder Kind I noch Kind II zu entlocken. Beide wiederholen nur stoisch „is schwierig“, und als wir der ausladenden Nachbarstochter gegenüberstehen, können wir uns bedenkenlos auf Schwierig einigen.

Um acht Uhr, ich kann immer noch nicht die Augen öffnen und Kind I hat mich bereits zum dritten Mal mit geschlossenen Augen portraitiert, sollte dann eigentlich ein Mann auftauchen, jede Menge Löcher buddeln und das Haus endlich ans öffentliche Telefonnetz anschließen, um Frau Julie und mir ungetrübten Blogspaß auch an der See zu ermöglichen. Aber was schon von Dienstag acht Uhr auf Mittwoch morgen verschoben worden war, scheint wieder nicht stattzufinden. Als ich ihn dann um zehn in einem Loch am falschen Ende der Straße antreffe, ist er nicht im Geringsten irritiert, sondern blickt sinnierend in die Ferne und murmelt etwas von nachmittags und „S-törung in Aurrrich.“

Nachmittags taucht er tatsächlich auf, bohrt unter den aufmerksamen Blicken der Kinder ein Loch in die Hauswand, reißt ein Stück der Straße auf, stellt zwei rot-weiße Hütchen drumherum und will dann wieder gehen. Wir fahrigen Informationsjunkies auf Entzug streicheln nervös unsere Notebooks und schauen ungeduldig zwischen dem Mann und dem Loch in der Wand hin und her. Müßte er nicht eigentlich nur so eine Dose anbringen, ein Kabel anklemmen et voilà Telefon? Jetzt gleich vielleicht? Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben, das Becken ein wenig vorgeschoben und ist offensichtlich nicht gewillt, sich von uns aus der Ruhe bringen zu lassen.

„Wir wollen uns wohl bemühen“, sagt er in sehr breiddem, eindeutig ostfriesisch gefärbtem Deutsch, „das so zeitnah wie möglich zu errrledigen.“ „Was bedeutet denn zeitnah so ungefähr?“ frage ich vorsichtig. Pause. Er guckt mich unbewegt an. „Wir wollen uns wohl bemühen, das so zeitnah wie möglich zu errrledigen.“ Frau Julie malt mit dem Brotmesser kleine Kreise auf den Tisch. „Ja, das hab ich verstanden. Aber wie zeitnah ist zeitnah? Morgen? Übermorgen?“ Ich habe Visionen von meinen Händen an seinem Hals. Er seufzt ganz leise. „Wir wollen uns wohl bemühen, das so zeitnah wie möglich zu errrledigen.“ Hack.Hack.Hack. Ein weiteres Töstchen ist in feine, saubere Streifen zerfallen. Mein Traum vom unkomplizierten Netzzugang im Kurzurlaub auch. Aber ich will mich wohl bemühen wiederzukommen, so zeitnah wie möglich.

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