An der Alster und auf dem Weg dorthin hängen jede Menge dieser Zettel mit Abreißtelefonnummern. Darauf die üblichen Angebote von Kinder- und Hundesittern, Kinder- und Hundetrainern, zuverlässigen Reinigungskräften, willigen Nachhilfelehrern und immer wieder Wohnungsgesuche. Meist sucht Er, junger Rechtsanwalt aus gutem Haus, die Traumwohnung in Toplage mit Südbalkon, aber nicht zu teuer bitte. Gelegentlich sucht auch ruhiges Paar, Er Unternehmensberater, Sie Lehrerin, natürlich beide aus gutem Hause und auf dem Weg in ein eben solches mit mindestens drei Zimmern und Vollbad. Solche Zettel beginnen gerne mit dem Wort „Belohnung“ und einer Summe zwischen 400 und 1000 Euro, je nach Größe der gesuchten Topwohnung.
Heute las ich dann zum ersten Mal einen ganz anderen Zettel, der in Zeiten von Online-Single-Datenbanken und Speed-Dating rührend antiquiert anmutete: „Leicht verrückter Mittdreißiger, intelligent, ansehnlich, vielseitig interessiert und musisch talentiert sucht Frau zum Verlieben.“ Leider tauge ich höchstens zum Unglücklichverlieben und bin auch so überhaupt nicht auf der Suche, deshalb zerrte ich meinen ungesitteten Hund Richtung Heimat und ließ die Telefonnummer schutzlos dem Wetter ausgeliefert am Baum zurück.
Auf dem Heimweg ging mir das Bild des Zettels trotzdem nicht aus dem Kopf. Von dem 500-Euro-Belohnungszettel darüber waren fast alle Nummern abgerissen, und selbst die Reinigungsfachkraft darunter war begehrter als der musisch talentierte Mittdreißiger, dessen Zettel unangetastet seine Nummern in den Wind streckte. Was ist, wenn der Mann an seinem eigenen Angebot vorbeispaziert und nicht eine einzige Telefonnummer ist abgerissen? Kein Interesse, keine Hoffnung, nicht mal trügerische, nichts.
Irgendwo in einem Hinterzimmer meines steinernen Herzens bin ich ein Seelchen, das schwermütige Kinofilme vorsichtshalber nur auf DVD guckt und sich mit traurigen Büchern auf dem Klo einschließt, um wirklich ungestört heulen zu können. Also kehrte ich um, riß zwei Nummern ab, stopfte sie zwischen Hundetüten und Taschentüchern in meine Jackentasche und kam mir kurz etwas albern vor. Hollywood hätte mehr daraus gemacht, ich weiß, aber trügerische Hoffnung ist besser als gar keine.
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