Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2005-07-21 - 23:46 - Hasta la vista, MacBarbier

Friseurbesuche sind wie Schuhshopping: Angeblich lechzen moderne Großstadtfrauen danach und trösten sich in allen Lebenskrisen direkt nach der Schokolade damit, nur ich hab das System mal wieder nicht verstanden und versuche beides nach Möglichkeit zu vermeiden – was meine recht überschaubare Schuhsammlung ebenso erklärt wie die nur selten fachkundige Hand benötigende Langhaarfrisur. Am schlimmsten sind wider Erwarten nicht die Billigläden, sondern die wirklich teuren Coiffeure, die nicht nur eine neue Haartracht, sondern gleich einen kompletten Lifestyle verkaufen.

Der Lifestyle ist ganz offensichtlich nicht meiner, und die zierlichen Hairstylistinnen mit Kleidergröße 36 und den von der Chefetage verordneten Highlights der Saison erkennen das seufzend, kaum daß ich den Laden betreten habe. Eine schwierige Kundin, sagt ihr Blick, ein schwieriger Vormittag, sagt meiner, und schon wird unsere noch junge Beziehung mit den Haaren der letzten Selbstverbesserungsaspirantin in den Müll gekehrt. Daher gehe ich höchst selten in die teuren Salons, die allein fürs Begutachten von langen Haaren 60 Euro verbuchen, und überlasse das unkomplizierte Kürzen der Spitzen nur zu gerne diesen schlichten 10-Euro-Klitschen.

In den Billigläden (Lieblingswerbespruch: „Besser als der Preis befürchten läßt“) wird nicht nur weniger genäselt und gebussit, ich hab vor allem nicht ständig das Gefühl, mich für meine offensichtlich society-untaugliche Abneigung gegen trendgerechte Sommerhighlights und gesichtsschmeichelnde Stufenschnitte rechtfertigen zu müssen. Ich fühle mich höchstens mal kurz fünf Jahre zu alt, wenn die Friseurin mit der grellpinken Haartolle und dem dicken Tattoo über den Pulsadern nach vorne greift, um mir die Haare aus dem Gesicht zu streifen.

Das Beste am MacBarbier aber ist die abwechslungsreiche und oft sehr unterhaltsame Klientel. Der Trend zum schnellen Billighaarschnitt in der Mittagspause macht keine Klassenunterschiede. Da Friseurbesuche in meinem Fall scheinbar immer mehrere Stunden dauern müssen, hatte ich gestern ausreichend Zeit, so ziemlich alles von der Kassenaushilfe über die Doktorandin, vom Philosophiestudenten im 18. Semester bis zum Anwalt zu studieren. Mein Favorit war allerdings ganz eindeutig die Polenmafia.

Ich ließ gerade meine Nackenmuskulatur vom kalten Porzellan malträtieren, als die Tür aufging und drei etwas kurz geratene, aber dafür recht breit gebaute Männer mit einer kleinen Frau zwischen sich den Laden betraten. Die Sonnenbrillen der Männer paßten genauso gut zum Hamburger Mistwetter wie ihre akkuraten 3mm-Haarschnitte in ein Friseurgeschäft. Die Sonnenbrillen blieben aber im Gesicht kleben, und der Größte verlangte den Chef zu sprechen. Mit Nachdrrrruck. Chef gab es nicht, also wurde der älteste der anwesenden Friseure in die Pflicht genommen. Der Sprecher baute sich vor ihm auf, Kurzhaar 2 und 3 rückten ihm langsam von den Seiten auf die Pelle. Mein Spüler ließ vor Aufregung atemlos die Hände ins Seifenwasser sinken.

Kurzhaar 1: „Du hast Schein, ja?“

Leicht tuckiger Friseur mit Bauch und blonder Mähne: „Was denn fürn Schehein? Ne Arbeitsgenehmigung?“

Kurzhaar 1: „Schein von Ausbildung. Du bist Friseur. Ferrrtige Friseur.“

Fertiger Friseur: „Na klar.“

Kurzhaar 1: „Gutt. Sehhrrr gutt.“ Dramatische Pause. „Das hier“, er tritt ein wenig zur Seite und zeigt unerwartet zärtlich auf die kleine, ältere Frau in Leggings hinter ihm, „das hier ist mein Mutter. Haarrre sind nicht gut.“ Letzteres erkennt man auch ohne Schein auf den ersten Blick. Grauenvoller Blondton, durch den sich seit geraumer Zeit schwarze Ansätze so unerbittlich ihren Weg bahnen wie Knöterich durch Asphalt, und dazu eine erfolglos geglättete Pudeldauerwelle. Stroh statt Frisur. Zwischen Mutter und Sohn entspinnt sich ein Schnellfeuerwortwechsel in Polnisch.

Kurzhaar 1: „Haar braucht frrrische Farbe. Blond. Hier. Und dann muß glatt werrrden. Mit Glanz. Wie in Magazin.“

Der Friseur nickt zaghaft und faßt vorsichtig ins Stroh. Erste Schweißperlen auf seiner Stirn. Die beiden anderen Kurzhaarfrisuren rücken langsam näher. „Das mit der Farbe ist kein Problem, aber glatt? Das Haar ist ... also ... angegriffen, würd ich sagen.“

Kurzhaar 1 ist unbeeindruckt: „Egal, du hast Schein, ich hab Schein“, er drückt dem Friseur zehn Euro an die Brust, „Haar wirrrd glatt.“ Arnie hätte diesen Auftritt nicht halb so souverän hingelegt. „Wir gehen jetzt. Zeit fürrr Geschäfte. Mutter bleibt hier. Du bleibst hier mit Mutter. Wir kommen zurrrrück und holen wieder ab, wenn Frisur ist gut. Zeit für Gespräch späterrr.“ Die drei Kurzhaarschnitte rücken ab.

In der Tür dreht der Wortführer sich noch mal um: “Wenn Frisur gut, wirrrr kommen immer wiederr.” Ermutigung geht anders. Hasta la vista, baby.

68 Zwischenrufe | 0 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht