Ich glaube, ich würde meine Wohnung heute nicht mal verlassen wollen, wenn ich könnte. Kann ich aber nicht, weil die Nachbarn aus dem 4. Stock, bzw. deren fleißige polnische Umzugshelfer (die sich lautstark auf Polnisch streiten, in den Streitpausen aber entweder fröhlich die deutsche Nationalhymne pfeifen oder auf dem Handy angerufen werden, das dann „Freude schöner Götterfunken“ klingelt) diverse sehr schwere Kisten vor meiner Tür abgestellt haben, auf denen ganz oben ein überdimensionierter Teddybär hockt. Wenn ich durch das Guckloch in meiner Tür spähe (das Wort „Türspion“ setzt sehr unschöne Assoziationsketten in Gang und ist daher in allen Lebenslagen unbedingt zu vermeiden), kann ich noch ganz knapp an den Ohren des Bären vorbei die Achselschweißränder der Umzugsjungs sehen. Da bleibe ich doch lieber am Schreibtisch und starre wie üblich in das Wohnzimmer des Apothekers auf der anderen Seite meiner schmalen Gasse.
(Dabei fällt mir auf, daß ich erschreckend viel Lebenszeit damit verbringe, zwanghaft an irgend etwas vorbeizusehen. Wenn ich am Schreibtisch sitze und aus dem Fenster gucke, muß ich meinen Blick unbedingt von der linken Seite fernhalten, denn links ist das Fenster von Frau B. und Frau B. sammelt Puppen. Ihre Lieblinge hat sie im Fenster ausgestellt, damit die ganze Nachbarschaft sich daran erfreuen kann und wohl auch, damit die Lieblinge ordentlich was zu Gucken haben. Ich fand Puppen aber schon als Kind gruselig und habe nie damit gespielt. Zurückstarrende Puppen in Fenstern haben ein um den Faktor zehn erhöhtes Gruselpotential und ausgerechnet Frau Bs Favorit, ein kleiner Junge im samtenen Konfirmationsanzug, starrt genau in mein Fenster und hat dabei große Ähnlichkeit mit Chucky, der Mörderpuppe.)
Aber selbst wenn all diese Hindernisse nicht wären, würde ich nicht vor die Tür gehen wollen, denn die schwüle Hitze bekommt meinen Mitmenschen nicht sonderlich gut. Während sich ein großer Teil von ihnen hemmungslos körperlich entblößt (die nicht freigelegten Extremitäten werden neuerdings gerne in hautenge weiße Hosen gesteckt, was fast noch schlimmer ist), stellen sich Männer gleich reihenweise charakterlich bloß, indem sie in aller Öffentlichkeit Dinge sagen, die besser in bierseligen Männerrunden und Herrenumkleidekabinen aufgehoben wären. Zumindest wenn den Herren noch an der Paarungsbereitschaft der Frauen in ihrer Umgebung gelegen ist.
Gestern kamen mir an der Alster zwei Polohemdenträger (hellblau und lindgrün) entgegen, die ganz eindeutig ins „Cliff“ wollten. Das ist selten ein gutes Zeichen, denn das Cliff wird in Stadtführern gerne als „trendiges Szenelokal an der Alster mit hoher Promi-Dichte“ beschrieben und sollte trotz seiner idyllischen Lage unbedingt von der inneren Hamburg-Karte gestrichen werden, möchte man seinen Nachmittagskaffee nicht mit Talkshow-Moderatorinnen oder Luderkönig Michael Ammer teilen. Lindgrün zeigte Fotos auf seinem Handy vor, die Hellblau dann kommentieren durfte: „Ne, geht gar nicht, das sind doch keine Beine. Iiih. Aber die, die solltest du behalten, die sieht aus als könnte sie ficken und kochen.“
Spätabends begegne ich dann zwei Männern im Anzug, beide Anfang 30, die ihre weitere Abendgestaltung diskutieren. „Stell dich nicht so an, wir ziehen jetzt weiter und machen noch ein paar Frauen klar.“ (Klarmachen? Ich wußte nicht, daß Menschen außerhalb schlechter Drehbücher so was wirklich sagen.) „Wie klarmachen? Ich dachte, du bist jetzt verlobt.“ Testosterongetränktes Gelächter, zwei Oktaven tiefer als normal, vom Verlobten. „Verloben heißt nix anderes als sicherstellen und weitersuchen, Mann. Ich bin quasi noch single.“
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