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2005-08-04 - 21:58 - Instant Human - just add coffee and shoes

Morgens halb neun, nach etwa vier Stunden Schlaf, und wir sind das erste Mal seit dem Schokoladensuizidversuch wieder beim Tierarzt – wegen der netten Betreuung auch genau dort. Ich weiß nicht, ob es ein gutes Zeichen ist, daß man uns sofort wiedererkennt. Kaum hat der Hund die Schnauze durch die Tür gesteckt, schreit die Frau am Empfang: „Mädels, steckt die Schokolade weg, Pitti ist wieder da.“

Auf dem Rückweg brauche ich ganz dringend Kaffee und Frühstück. In einem dieser ganz kleinen, nicht franchisenden Coffee Shops, packt der nette Mann hinterm Tresen mir grad einen Bagel ein (ich kann das nicht mal schreiben, ohne mir wie ein wandelndes Klischee vorzukommen), als sein Blick auf mein zur Tagesverfassung passendes T-Shirt fällt. „Instant Human – just add coffee“. Er lacht, schiebt einen großen Becher rüber und sagt: „Geht aufs Haus.“ Man hätte mir ruhig eher sagen können, daß man das Leben mit albernen T-Shirts überlisten kann.

Nebenan öffnet grad ein kleiner Schuhladen, den ich vorher noch nie bemerkt hatte, weil ich traumatisierende Orte geschickt ausblenden kann. Aber der Ladeninhaber schielt kurz auf mein Shirt, lacht mich freundlich an und stellt dann ein traumhaftes Paar hoher, schwarzer Stiefel ins Fenster, mit einem dicken „Reduziert“-Schild daran. Da bin selbst ich verloren und beschließe, dem Feind ins Auge zu blicken. Der Feind, das sind in diesem Fall meine großen Füße, die nur selten auf Anhieb in Schuhe passen wollen und meine muskulösen Waden, die fast jeden Stiefel sprengen.

Doch der Schuhmann ignoriert meine Bedenken und zerrt die Stiefel einfach über meine dicken Beine, ohne auch nur im Ansatz diesen mitleidig-überheblichen Blick erkennen zu lassen, den Schuhverkäuferinnen bei meinem Auftauchen automatisch aufsetzen. Die Konfrontationstherapie erweist sich als voller Erfolg. Die Stiefel passen, ich könnte die ganze Welt umarmen und es ist noch nicht mal halb elf. Und wir sind noch nicht fertig, denn er hat ein weiteres Paar, ein Einzelpaar in meiner Größe, rot, reduziert. Auch das paßt wie für mich gemacht, und er nennt mir einen Preis, den ich unmöglich ablehnen kann.

rote_stiefel2.jpg
(Die schwarzen Stiefel werden nachgereicht.)


Zwei Paar Stiefel in unter zehn Minuten, ich bin mir selbst unheimlich. Mein letzter Schuhkauf hat drei Stunden gedauert und nach Hause gegangen bin ich ohne Schuhe, aber mit fünf Büchern und drei Tafeln Schokolade. Zur Feier des Vormittags gibt es gleich noch einen Kaffee von nebenan, und der Hund darf es sich auf dem Schoß vom Schuhmann bequem machen, während dieser aus seinem Leben erzählt („das Viertel verkommt, nur noch Hausfrauen hier, die mich mit Vera am Mittag verwechseln und 30 Minuten ihre gesammelten Lebensweisheiten zum Besten geben, um dann ohne Schuhe wieder zu gehen“).

Die neuen Stiefel werde ich jetzt gleich in München einlaufen. Allerdings kann ich niemandem empfehlen, mit Stiefeln in ein Flugzeug steigen zu wollen. Ich hielt das irrtümlich für eine gute Idee, weil es Platz im Koffer spart, sie zu tragen statt sie einzupacken. Aber in Zeiten von erfinderischen Selbstmordattentätern werden Sicherheitsbeamte beim Anblick von Frauen in hohen Stiefeln leicht nervös. Mein Argument, ich hätte nichts im Stiefel versteckt, meine Waden seien von Natur aus so dick, ließen sie nicht gelten. Also mußte ich sie ausziehen und zusammen mit der Handtasche auf das Band legen. Habt Ihr eine Vorstellung davon, wie demütigend es ist, auf Strümpfen durch die Sicherheitsschleuse zu laufen, während die moderne Karrierefrau von Welt in Zickenschühchen hinter einem stöckelt?

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