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Blogtalk Reloaded

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2005-08-10 - 23:18 - Von §241b StGB direkt ins Poesiealbum

Frau Zypries hat heute noch mal schnell ein bißchen aufgeräumt im Büro, bevor sich mögliche Nachfolger die Hütte angucken kommen, und bei der Gelegenheit den neuen §241b StGB ins Kabinett gereicht. Das Kabinett hat diese Alternative zu einem entsprechenden Gesetzesentwurf des Bundesrates wunschgemäß abgesegnet. Der Bundestag wird dann später in neuer Besetzung darüber befinden müssen. Aber natürlich soll das löbliche Vorhaben, Stalking (bei Juristen heißt das dann „Nachstellung“) nicht länger als reines Kavaliersdelikt zu betrachten, bis dahin nicht völlig untergehen (auch wenn einige Mitbürger erstaunlich wenig Verständnis dafür aufbringen).

Mich hat diese Nachricht heute morgen zu schrecklich sentimentalen Anwandlungen verleitet. Schließlich haben mich immer wieder besorgte Menschen davor gewarnt, so viel von mir preiszugeben im Internet, die geheiligte Anonymität aufzugeben mit dem Umzug auf die eigene Domain, sichtbar zu werden mit Fotos und Lesungen. „Gerade so als Frau, allein zuhaus, schaff dir doch wenigstens einen Hund an.“ – „Ich hab einen Hund.“ – „Einen richtigen Hund, meinte ich natürlich.“ Weniger wohlmeinende Menschen waren der Ansicht, ich würde Stalker geradezu herausfordern.

Und was ist? Klar, der übliche Mist per Mail von Menschen mit Befindlichkeitsstörungen, die ihre unerfüllten Begierden ab einem gewissen Alter eben auf andere Projektionsflächen als den Weihnachtsmann verlagern und dann in gewisser Regelmäßigkeit kruden Phantasien Ausdruck verleihen müssen. Aber sonst? Wunderbare Mails, die ich mir gelegentlich laut vorlesen muß, weil ich sonst nicht glauben kann, daß mir wildfremde Menschen so reizende Dinge schreiben (ich gucke dann vorsichtshalber nicht auf den Empfänger, ich will gar nicht wissen, wenn ich doch nicht gemeint bin). Einige schicken mir sogar den Paketboten mit Büchersendungen vorbei (ganz aktuell Frau Melanie Z. aus R., vielen, vielen Dank!). Fremde Menschen machen so was, das muß man sich mal vorstellen.

Es gibt heute außerdem Menschen in meinem Leben, die ich ohne das Blog nie und nimmer kennengelernt hätte. Menschen, die ich auf gar keinen Fall missen möchte, und die schon so sehr Bestandteil meines Lebens sind, daß ich gar nicht mehr weiß, was ich all die Jahre ohne sie angestellt habe. Erst wenn ich gefragt werde, wie wir uns kennengelernt haben, wenn ich die erstaunten Blicke angesichts der Antwort ernte, fällt mir wieder ein, was für ein großes Glück diese komische Bloggerei für mich bedeutet.

All die Kritiker, die von Vereinsamung durchs Internet reden, haben wirklich nicht begriffen, wie sehr der Mensch von modernen Kommunikationsmöglichkeiten profitieren kann. Ich würde denen vielleicht doch eher die Drosophila als Forschungsobjekt empfehlen. Menschen entziehen sich nämlich leider dieser bequemen Formel „Mensch lange allein vor einem Bildschirm = einsamer Sonderling“ und entwickeln eigene Wege der Kontaktaufnahme und ein ganz neues Näheverständnis. (Wunderlich vielleicht, aber nicht einsam.)

Und morgen lege ich diese furchtbare Sentimentalität ad acta und blogge wieder aus der sicheren ironischen Distanz. Dann klinge ich hoffentlich auch nicht länger wie das Poesiealbum, das ich nie hatte.

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