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2005-08-17 - 19:08 - Die Eiersortiermaschine und der dritte Weltkrieg

Entspannung ist ein kompliziertes Ding, das an unerwarteten Orten lauert. Lesen half nicht, den Hund in einem struppigen, vom Regen verunstalteten Rapsfeld zu verlieren und ihn anschließend über einen Wassergraben tragen zu müssen half auch nicht, über den kümmerlichen Zustand des Gartens zu philosophieren erst recht nicht. Aber als ich dann Samstag vor dem kleinen Häuschen in der Sonne saß, die es laut Wettervorhersage gar nicht geben durfte, ein Kilo fangfrischer, noch ungepulter Krabben auf dem Schoß, da begann ich endlich mich zu entspannen. Und ich fühlte mich immer besser, je länger die monotone Arbeit dauerte. Während die Hände beschäftigt waren, konnte ich angenehm ziellos über dieses und jenes nachdenken und dabei ganz nach Belieben jede noch so krumme Abzweigung nehmen.

Bei der Gelegenheit fiel mir auch wieder ein, daß ich diese Kombination aus repetitiver manueller Arbeit und geistiger Reisefreiheit schon als Kind sehr zu schätzen wußte. Deshalb habe ich mich auch nie beklagt, wenn ich in den Ferien beim Eiergeschäft helfen mußte. Wir hatten 12.000 Hühner (und bevor jetzt Beschwerden kommen: nur ein geringer Teil davon lebte in Käfigen, die meisten der stinkenden Viecher hatten in Bodenhaltung die Freiheit, unschuldige Kinder bei der Arbeit zu attackieren), die mindestens 9.000 Eier am Tag legten. Die Eier wurden direkt ab Hof in einem kleinen Laden verkauft (lange bevor Bauernläden von Großstädtern ein romantischer Anstrich verliehen wurde), mußten aber natürlich erst mal von den Ställen in den Laden.

Sie wurden also per Hand eingesammelt, auf 30er-Paletten gestapelt und zur Sortiermaschine gebracht. Dort mußten sie dann wieder per Hand von den Paletten auf ein Fließband gelegt werden, immer hübsch vorsichtig zwei nebeneinander auf Rollen, damit sich die Eier auf dem Band selbst auch drehten. In den Ferien war das meine Aufgabe. Nach dem gemeinschaftlichen Einsammeln im Stall natürlich. 9000 Eier, jeden Vormittag, bis die Finger mit einer gleichmäßigen Kalkschicht überzogen waren.

Das Band transportierte die Eier dann über eine Leuchtschiene, an der eine andere Mitarbeiterin saß, die die durchleuchteten Eier auf unsichtbare Risse („Knickeier“), Blutstipper im Eidotter oder die begehrten Doppeldotter untersuchte und entsprechende Exemplare aussortierte. Die Knickeier wurden im Laden erheblich günstiger verkauft, die Bluteier auf Nachfrage an Hunde- oder Katzenbesitzer abgegeben. Die Frau an der Leuchtschiene war von Vorhängen umgeben, weil die makelbehafteten Eier im Dunkeln dank des Kontrasts besser zu erkennen waren. Ich blickte also bei der Arbeit immer auf einen staubigen blauen Vorhang mit gelben Gänseblümchen, hinter dem mein Tagwerk verschwand. Wenn die Eier dann auf der anderen Seite des Vorhangs wieder auftauchten, außerhalb meines Sichtfeldes natürlich, liefen sie über eine Waage und rollten nach Gewichtsklassen sortiert in kleine Fächer. Dort stand dann mindestens eine weitere „Eierfrau“, so die hausinterne Berufsbezeichnung, um die Eier wieder auf Paletten zu legen, jetzt eben handelsfertig sortiert.

Die Frauen an der Sortiermaschine sahen sich also nicht, konnten sich aber problemlos unterhalten. Die meisten von ihnen waren schon älter und besserten entweder ihre Witwenrente auf oder hatten einen ehemaligen Bergmann mit Staublunge zuhause sitzen. Ihre Männer tauchten nur zu Feiern auf dem Hof auf und tranken dann sehr ausgiebig Korn. An die Gesichter der Männer kann ich mich nicht erinnern, dafür aber sehr gut an ihre großen Hände mit den schwarzen Sprenkeln darauf – alte Verletzungen, in die unter Tage Kohlenstaub geraten und eingewachsen war.

Bei den Gesprächen der Eierfrauen war ich nicht gefragt. Ich glaube, sie vergaßen zwischenzeitlich komplett meine Anwesenheit, sonst hätten sie einen Teil der Themen vielleicht ausgespart. Die Konversation drehte sich bevorzugt um Katastrophen, egal ob persönlicher oder globaler Art. Der Tod von Romy Schneider war ebenso ergiebig wie der von Grace Kelly. Oder aber der Tod des eigenen Gatten, der Blut im Stuhl hatte, sich trotzdem weigerte zum Arzt zu gehen und sechs Monate später tot umfiel, nachdem sich der Krebs durch seine Eingeweide gefressen hatte.

Ich war da ungefähr acht Jahre alt, brauchte ein paar Tage, um herauszufinden, daß Stuhl nicht gleich Stuhl ist und entwickelte prompt eine ungesunde Besessenheit mit meinen eigenen Ausscheidungen, die mehrere Monate anhielt. Abgelöst wurde sie durch die Tollwut, die eine entfernte Bekannte einer Eierfraubekannten befallen und schließlich grausam dahingerafft hatte. Ich sah mich daraufhin monatelang gezwungen, mehrmals täglich im Bad vor dem Spiegel zu prüfen, ob sich vielleicht schon Schaum in den Mundwinkeln gebildet hatte oder ob die Augen blutunterlaufen waren. Die Tollwut wurde abgelöst von Lepra, die ich mir durch eine traurige indische Geschichte in einem Weihnachtskinderbuch zugezogen hatte. Natürlich erforderte auch die Lepra aufwendige Untersuchungen im stillen Kämmerlein, denn weiße Flecken lassen sich auf weißer Haut weitaus schlechter erkennen als auf hellbrauner. Diesen ganzen hypochondrischen Zirkus habe ich dann erst in der Pubertät gegen zeitgemäßere Psychomacken eingetauscht.

Am schlimmsten war jedoch der 31.12.1982. Nach der Arbeit saß man zur fröhlichen Einstimmung auf den Jahreswechsel zusammen, aß jede Menge Schnittchen und Berliner, trank Sekt oder Korn. Ich hatte mich mit einem Buch im Lieblingssessel verkrochen und lauschte aus der sicheren Deckung, als Frau H. nach dem dritten Sekt ihre Weissagungen verkündete. Frau H. war nämlich talentierte Kartenlegerin und hatte den Tod des Mannes mit blutigem Stuhl ebenso vorhergesehen wie die Zwillingsgeburt ihrer besonders voluminös schwangeren Nichte. Für das Jahr 1983 entrang sie den Karten ein ausgesucht düsteres Bild, das meine Mutter mit Kopfschütteln, die anderen Eierfrauen aber mit wohligem Schauer zur Kenntnis nahmen: 1983 würde der dritte Weltkrieg ausbrechen und die uns bekannte Welt endgültig in Schutt und Asche legen (natürlich war damals noch der Russe schuld).

Im folgenden Jahr hielt ich jedes Mal den Atem an und mir die Ohren zu, wenn in den Nachrichten von Rußland die Rede war. Dauerte der Bericht zu lange, rannte ich eben raus und holte erst auf dem Flur wieder Luft. Mir war durchaus klar, daß weder mein irrationales Verhalten noch die Karten von Frau H. wirklich den Lauf der Welt beeinflussen würden, aber sicher ist sicher. Und aus eben jenen Sicherheitserwägungen habe ich fortan immer alle Kartenspiele versteckt, bevor Frau H. das erste Glas Sekt bekam. Rock Hudson hat das allerdings nichts genutzt.

eierfrauen.jpg


Die Eierfrauen mit Sekt, aber ohne Sortiermaschine. Ganz rechts im Bild Frau H. Im Hintergrund Lyssa, noch tragbar.

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