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2005-08-23 - 19:08 - Zeit sich zu entloben

Damit Slowtiger nicht länger auf häßliche Füßchen gucken muß: Das Wetter bleibt mit 18 Grad natürlich nur ganz knapp hinter den vollmundig angekündigten 25 Grad zurück und reagiert freundlicherweise durch Eintrübung auf meine mäßige Verfassung. Meine ungnädige Stimmung ist die Folge fieser Rückenschmerzen, die mich seit gestern abend plagen und mich bedenklich an einen gewissen Vorfall im Mai letzten Jahres erinnern. Deshalb wollte ich dieses Mal auch keine unsinnige Zeit mit Hoffen, Beten und ABC-Pflaster-Fegefeuer verschwenden, sondern bin sofort zum Orthopäden an der Ecke gestolpert.

Der stets gut gebräunte und ebenso gut gelaunte Exil-Münchner beschrieb das einreißende Narbengewebe an der Bandscheibe für meinen Geschmack etwas zu anschaulich und legte bei der Spritzerei etwas zuviel Enthusiasmus an den Tag. Wirklich ungehalten wurde ich aber erst, als er locker meinte: „Ist sowieso fast immer psychosomatisch. Gehen Sie mal in sich und forschen Sie nach. Wir sehen uns dann Freitag wieder.“ Solche Beschwerden sind, wenn überhaupt, eher auf übertriebene denn auf mangelnde Introspektive zurückzuführen. Es geht mir deutlich besser, wenn ich mir die gründliche Untersuchung meines maroden Innenlebens für verregnete, luxuriös melancholische Herbstabende aufhebe und als Beleuchtung gnädiges Kerzenlicht wähle. Dank schmerzhafter Erfahrung kann ich guten Gewissens behaupten, daß es im Alltag sinnvoll sein kann, das Knirschen im Gebälk zumindest phasenweise auszublenden.

Und wo ist jetzt die tolle Überleitung hin, die ich gerade eben noch im Kopf hatte? Weg. War bestimmt was mit dem Wetter, das vorhin unter dem Einfluß von Schmerzmitteln noch ganz toll klang. Jetzt bin ich wieder zu Verstand gekommen, und Ihr müßt ohne sanften Übergang auskommen. Marc hatte nämlich gestern am späten Nachmittag noch einen Mandantentermin, der bei strahlendem Sonnenschein seine und die Anwesenheit seines direkten Vorgesetzten erforderte. Sie standen mit heruntergekurbelten Fenstern an einer roten Ampel und beobachteten wehmütig das entspannte Leben in den Straßencafés, als zwei Männer in sehr engen Hosen und noch knapperen Leibchen vor ihnen über die Straße gingen. Jeweils eine Hand mit der des Partners, die andere mit einem Sixpack Bier verknotet.

Marcs Chef setzte grad zu einem Kommentar an, als der hübschere der beiden Männer sich löste, auf Marc zustürmte, laut „Haaaallloooo Süüühüüüßer“ schrie und ihn durch das Fenster umarmte. Ich glaube, meine Tage als offizielle Verlobte sind gezählt.

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