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2005-09-08 - 16:43 - Was ist eigentlich aus der guten alten Ölmalerei geworden?

Ich hasse es fotografiert zu werden. Das liegt vor allem daran, daß ich eitel und gleichzeitig furchtbar unfotogen bin. Keine gute Kombination, wenn man auf 80% aller Fotos so aussieht, als bräuchte man wegen Unzurechnungsfähigkeit dringend einen gesetzlichen Betreuer, auf weiteren 18% extrem bösartig guckt, so daß statt des Betreuers eher ein Bewährungshelfer angebracht scheint, und die letzten, die tauglichen 2% seltene Glücksfälle sind. Das glaubt mir zwar niemand, bis er es selbst als Fotograf erlebt hat, aber ich mußte mir schon von gestandenen Profis bescheinigen lassen, ich sei ein fast aussichtsloser, mindestens aber ein verdammt schwieriger Fall.

Erschwerend hinzu kommt, daß die meisten mir bekannten Fotografen eher Künstler denn Handwerker sind, ich aber mit Handwerkern weitaus besser zurechtkomme als mit Künstlern. Wahrscheinlich ist mein bäuerlicher Hintergrund daran schuld. Der erste professionelle Fotograf, der das Pech hat, sich meiner annehmen zu müssen, war ganz eindeutig Künstler. Mit langem Ü und gehauchtem H. Der Küüüühnstler fuhr mich quer durch die Stadt, ließ mich hier und da aus- und unfotografiert wieder einsteigen („nein, nein, ganz falsches Licht, haaach“) und schließlich im Regen stehen. Sein fast noch minderjähriger Assistent verschwand meist unter Bergen von schweren Taschen, die nie ausgepackt wurden, und keuchte fortwährend leise im Hintergrund.

Während wir im Auto saßen, erzählte er ununterbrochen von seinen zahllosen Künstler-Freunden, die er regelmäßig zwecks enorm wichtiger Image-Kampagnen ablichtet. Der Ben, der Udo und die liebe, liebe Kathrin z.B. sind so wahnsinnig berühmt, daß sie nicht mal Nachnamen brauchen. Am Ende des Nachmittags war ich reif für eine lebenslange Ganzkörperverschleierung, bloß um nie wieder auf Kommando lächeln zu müssen. Aber der Mann war tatsächlich ein Künstler, die tauglichen 2% der vielen Fotos sind großartig geworden, und ich würde mich jederzeit wieder mit ihm und dem keuchenden Assistenten in den Regen stellen.

Der nächste Fotograf war auch Künstler, fotografierte statt berühmten Bens lieber nackte Nadines und wollte mit mir ins Bett. Weil ich mich aber weder ausziehen noch körperlich betätigen wollte, wurde ich zur Strafe öffentlich gedemütigt. Er hatte nämlich keinen Assistenten dabei, sondern rekrutierte statt dessen einfach Passanten, die dann riesige Reflektorschirme halten mußten. Dabei verursachte er gerne größere Menschenaufläufe, so daß ich nicht nur in die Kamera, sondern gleichzeitig in viele fragende Gesichter lächeln mußte. Leider finde ich es grauenvoll, wenn man einen derartigen Rummel um meine Person veranstaltet und wäre lieber im Boden versunken als dramatische Posen an einer Reling einzunehmen. Als ein Tourist mir einen Zettel reichte und „Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber krieg ich trotzdem ein Autogramm“ sagte, flüchtete ich endgültig.

Herr Schmitt gestern war zum Glück ganz anders. Herr Schmitt war sehr sympathisch, völlig unaufgeregt, tat so als würde er eher zufällig nebenbei fotografieren, kannte abgelegene Orte in Namibia und versorgte mich mit ausreichend Kaffee. Ich habe keine Ahnung, wie die Bilder geworden sind, aber die Herstellung hat zum ersten Mal nicht weh getan. Ganz egal, ob Herr Schmitt Künstler ist oder nicht, auf jeden Fall ist er ein guter Psychologe. Die Welt braucht mehr Schmitts.

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