Marc ist ein Spieler und damit das genaue Gegenteil von mir. Was Glücksspiel angeht, bin ich extrem konservativ (klingt doch irgendwie besser als feige), mein Leichtsinn erstreckt sich ganz offensichtlich auf andere Lebensbereiche. Es ist nicht so, daß er jedes Wochenende im Casino hockt und seinen Anwaltsgehalt durchbringt, aber er wettet gern. Und zwar mit einer solchen Begeisterung, daß er sogar mich gelegentlich ansteckt.
Ich vermeide es, ihn mit zum Pferderennen zu nehmen, aus Angst vor Ort einen Herzinfarkt zu erleiden und vom Platz getragen zu werden. Und trotzdem lasse ich mich von ihm immer wieder zu irgendwelchen Wetten verleiten. Nicht zu Sportwetten oder Wetten über den Ausgang der nächsten Bundestagswahl. Aber zu solchen, die irgendwelche privaten Dinge von uns betreffen.
Zu Studienzeiten haben wir gelegentlich um die Benotung ziemlich wichtiger Hausarbeiten gewettet und uns dabei zu Einsätzen wie der Bezahlung gemeinsamer Urlaubsreisen hinreißen lassen. Die wirklich teuren wie etwa die Woche New York habe ich zum Glück gewonnen (da war ich mir aber vorher auch verdammt sicher). Wobei mir einfällt, daß ich ihm noch ein Wochenende in Kopenhagen ... ach, lassen wir das.
Als er heute nach einem endlosen Termin mit Sachverständigen auf die U-Bahn warten mußte, brauchte sein Hirn offensichtlich wieder diesen Spiel-Kick und er rief mich an. Die Begeisterung über seine neueste Idee war nicht zu überhören. Sein Angebot: Wenn einer von uns in zwei Jahren 30 % mehr verdient als der andere, zahlt der Großverdiener dem "Verlierer" 10 % des eigenen Nettolohns aus.
Ist das nun das gesichtswahrend verklausulierte Angebot, mir meine gescheiterte Existenz mit Almosen zu versüßen oder setzt er tatsächlich derart irrsinnige Hoffnungen in meine Zukunft? Und warum kann er nicht wie jeder normale Mensch einfach Lotto spielen oder sein Geld an der Börse verzocken? Und erzählt ihm bloß nicht, daß ich ihn genau für diese schwachsinnigen Ideen so unglaublich lieb habe.
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