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2003-12-16 - 13:02 - The return of the Trockenhaube

Nachdem ich heute morgen gründlich verschlafen hatte, bestand meine erste Amtshandlung darin, Ersatz für den Wecker zu finden, der irgendwann im Laufe der Nacht sein Leben ausgehaucht hatte (nur wenige Tage nach meinem Fernseher übrigens, was gibt als nächstes auf?). Und ich wollte wieder eines dieser Geräte, das die Uhrzeit in Rot an die Decke wirft.

Bei Tchibo kam ich allerdings nicht bis zur Weckerabteilung, denn mein Blick blieb an der Trockenhaube kleben. Trockenhauben?? Wer bitte nutzt denn so was heute noch? Na gut, Inneneinrichter besinnen sich seit geraumer Zeit wieder auf die 70er, aber das ist doch kein Grund, eines der albernsten und entwürdigendsten Selbstentstellungsgeräte seit der Abschaffung der eisernen Maske wieder auf den Markt zu werfen.

Nostalgischer Retrolook in allen Ehren, aber bestimmte Dinge sollten einfach der Erinnerung überlassen bleiben. Und Trockenhauben sind dort besonders gut aufgehoben. Kaum etwas prägt meine Kindheitserinnerungen ähnlich nachhaltig, denn meine Mutter lief vor wichtigen Abendveranstaltungen immer reichweitenbegrenzt mit so einem Gebläse, kleinkariert gemustert, auf dem Kopf durchs Bad.

Parallel versuchte sie, ihre neuen Kontaktlinsen durch einen mittelschweren Eingriff in die Augen zu bugsieren, was regelmäßig mißlang. Meist fielen die harten, kleinen Dinger dann auf den großen Flokatiteppich im Bad und wir Kinder bekamen den Befehl, uns äußerst vorsichtig auf allen Vieren fortzubewegen und den wuscheligen Teppich gründlich nach den teuren Sehhilfen abzusuchen.

Wir krabbelten dann über den Teppich und sie schminkte sich seelenruhig weiter, während das Monster auf ihrem Kopf Fauchgeräusche absonderte und sich in regelmäßigen Abständen zu gewaltiger Größe aufblies. Währenddessen saß mein Vater nebenan fertig angezogen auf dem Bett, rollte verzweifelt mit den Augen und trommelte nervös mit den Fingern. Wenn er nicht grad wieder einen Blick auf die Uhr warf, die unerbittlich die drohende Verspätung anzeigte.

Fast immer verließ man das Haus viel zu spät und mit riesiger Brille (eines von diesen unmöglichen Gestellen, das die Bügel unten am Glasrand befestigt hatte), denn die Kontaktlinsen tauchten selten pünktlich wieder auf. Ob die Trockenhaube gute Dienste geleistet hat, vermag ich nicht zu beurteilen, denn rückblickend betrachtet erscheinen die damaligen Frisuren meiner Mutter alle sehr ... fönverunglückt.

Der Versuch, Kontaktlinsen zu tragen wurde übrigens ungefähr zeitgleich mit der Abschaffung der Trockenhaube eingestellt - also irgendwann in den frühen 80ern. Aus dieser Zeit stammt auch die Angewohnheit meines Vaters, Einladungen zu festlichen Abendveranstaltungen zu fälschen und den Beginn um eine Stunde vorzuverlegen. Nur so besteht eine verschwindend geringe Chance, mit meiner Mutter halbwegs pünktlich zu erscheinen.

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