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2005-09-27 - 19:50 - Heldenzeit

Zurück von der IAA, schwere Beine, tiefe Augenringe, und ich kann neuerdings sogar im Stehen schlafen. Die Autos ziehen immer noch Schleifen in meinem Kopf und deshalb gibt es heute einen letzten motorisierten Eintrag. Die Begeisterung der Besucher für die ausgestellten Formel1-Kutschen und die Gimmicks drumherum hat mich nämlich an meinem ersten und einzigen Besuch auf dem Hockenheimring vor vier Jahren denken lassen. Q, ein großer Motorsportfan, hatte mich zu einem Formel1-Wochenende eingeladen und ich nahm an, ohne zu wissen worauf ich mich da einlassen würde. Ein guter Freund von Q schloß sich uns an. Zum Glück hatte ich in einem meiner lichteren Momente rechtzeitig darauf bestanden, ein anständiges Hotelzimmer zu buchen anstatt im Zelt zu übernachten. Letzteres hätte mich sicher endgültig den Verstand gekostet, so aber konnte ich mir zumindest gewisse Reste davon erhalten.

Der Hockenheimring liegt in einer der wenigen sonnensicheren Gegenden der Republik und erinnert daher sowohl vom Wetter als auch vom Publikum an die liebste Urlaubsinsel der Deutschen. Da wir ziemlich ahnungslos waren, buchten wir Tribünenplätze auf der Sonnenseite. Bis etwa mittags saß man noch im Schatten, danach wurde man unerbittlich bei 35 Grad geröstet und war die meiste Zeit mit Getränkezufuhr beschäftigt. Toilettenbenutzung erübrigte sich, weil man die Flüssigkeit schneller wieder ausschwitzte als der Körper sie durchreichen konnte. Ich habe bereits am ersten Tag meine modischen Standards über Bord geworfen und mir bei einem der zahllosen Merchandise-Höker eine Kappe gekauft, obwohl ich damit wirklich ... nun ja, wirklich saudämlich aussehe. Den Vorschlag, mein T-Shirt auszuziehen und als Kopftuch zu benutzen, mußte ich leider ablehnen, obwohl das zumindest unter den wohlbeleibteren Männern durchaus zum guten modischen Ton zu gehören schien.

Die Jungs hatten die Bekleidungsfrage besonders leicht gelöst. Sie kauften gleich am Freitag vormittag ein T-Shirt ihres Lieblingsteams und zogen es erst Sonntag abend wieder aus. Die T-Shirts verströmten durch die Kombination aus Männerschweiß und Bierduschen schon Freitag abend einen gewissen Hautgout, sie verschafften uns aber dank der mittlerweile fast unerträglichen Geruchsentwicklung beim Hauptrennen am Sonntag ziemlich viel Arm- und Beinfreiheit.

Apropos Rennen, nur wer sich ähnlich naiv wie ich in ein solches Abenteuer begibt, wird denken, es müßte doch genügen sich die Qualifikation und das eigentliche Rennen anzusehen. Nein, wer als Motorsportfan den beschwerlichen Weg zum Hockenheimring auf sich nimmt, will auch etwas geboten bekommen für sein Geld. Er will also die diversen Trainingsläufe sehen und natürlich die verschiedenen Rennen anderer Klassen, von denen ich vorher nicht mal geahnt hatte, daß es sie gibt. Hier ein Cup, da noch eine Klasse, dort noch ein Training. Es ist ein Wunder, daß es nicht ständig zu langen Staus auf der Rennstrecke kommt. Von den Rennen selbst bekommt man dabei leider wenig mit, denn man überblickt nur einen kurzen Streckenabschnitt. Immerhin saßen wir strategisch günstig vor einer Kurve und konnten mehrere spektakuläre Ausflüge in die Reifenstapel beobachten. Über den eigentlichen Rennverlauf läßt man sich aber am besten per SMS von Freunden informieren, die in ihrem gut gekühlten Zuhause sitzen, saubere Shirts tragen, Premiere und ausreichend Zeit zur Verfügung haben.

Man muß sowieso erst mal bis zur Rennstrecke selbst gelangen, denn die Fläche drumherum wird von den wirklich teuren Hotels und den nicht ganz so teuren Zeltplätzen belegt, so daß die Parkplätze in großzügiger Entfernung angelegt wurden. Aber damit wird wenigstens der sportliche Charakter der Veranstaltung erfahrbar gemacht oder so ähnlich. Morgens ist der Fußmarsch durch die kühle Morgenluft noch ganz angenehm, doch der Rückweg fühlt sich an wie die Laufstrecke beim Ironman.

Wirklich hübsch ist der Teil des Weges, bei dem man sich einspurig an einem Zaun entlang an den Zeltenden vorbeiwälzt und ungewohnte Einblicke in die deutsche Freiluftwohnzimmerkultur erhält. Es ist erstaunlich, was Menschen so alles ein- und vor Ort wieder auspacken. Natürlich jede Menge Fahnen (neben Teamfarben auch „Familie Bursbach, seit 1988 live dabei“ oder „Pfaffenhofen grüßt den Kurpfalzring“ und „Schumi, meine Tochter will ein Kind von Dir“), sofern nicht sowieso der ganze Wohnwagen Ferrarirot gestrichen wurde, Micheal-Schumacher-Pappaufsteller, Bobbycars im Rennautodreß, riesige Fernseher, weil man ja auf der Rennstrecke nix sieht, Planschbecken, in denen anstelle von Kindern träge Erwachsene und Hunde liegen und Grillmaschinen, die auch einem Kreuzberger Stadtteilfest gerecht werden würden.

Sehr unterhaltsam aber auch die Wildzeltenden in unmittelbarer Nähe der Parkplätze, wo es natürlich wesentlich unorganisierter und weniger feudal zugeht. Mein Favorit waren drei Mittzwanziger, die ein unglaublich originelles und geschmackvolles Schild aufgestellt hatten: „Frauen ficken heute gratis. Freie Männerwahl.“ Leider fielen die Herren vor Schreck mit hochrotem Kopf vom Campingstuhl, als ich höflich darum bat, die Auswahl an Männern begutachten zu dürfen. Am nächsten Tag war das Schild dann verschwunden und das Zelt fest verschlossen.

Damals durfte auch Jos Verstappen noch im Kreis fahren, was für einen ungewöhnlich hohen Anteil an Niederländern unter den Besuchern sorgte. Man erkannte sie nicht nur an ihren schwarz-orangenen T-Shirts, sondern vor allem an ihren lautstarken „Jos the Boss“-Rufen. Ich brauchte geraume Zeit, um das Gebrüll zu verstehen, da es mehr nach „Jooush shee Booush“ klang, wobei der Zischlaut am Ende mit steigendem Alkoholpegel an Intensität und Feuchtigkeit zunahm.

Unser kleines Hotel in einer Nachbarstadt wurde fast ausschließlich von niederländischen Jos-Fans bewohnt, was bald zu Problemen führte. Q, ohnehin zu touretteartigen Ausfällen neigend, wiederholte nämlich zwanghaft „Joush she Boush“, sobald er einen Holländer in der Nähe wähnte. Leider trug Q das falsche T-Shirt und auch sein Tonfall ließ nicht unbedingt ehrliche Anhängerschaft vermuten. Zudem entwickelte er ein Faible dafür, das geräuschvolle und nicht den üblichen Tischsitten entsprechende Verhalten der angetrunkenen Jos-Fans beim Abendessen zu imitieren, was mich wiederum zu haltlosen Lachkrämpfen trieb. Am ersten Abend wurden wir nur wild beschimpft, am zweiten mußten wir schon vor einer wütenden Horde aufs Zimmer flüchten und uns morgens sehr früh aus dem Haus schleichen. Am dritten Tag hätten wir sicher Polizeischutz gebraucht, konnten aber zum Glück zurück in die Zivilisation reisen. Leider haben die Jungs da bereits so penetrant gestunken, daß ich sie vor der Weiterreise am ersten Rastplatz in die Truckerdusche zwingen mußte.

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