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2005-10-02 - 16:02 - Gut gebaute Pastorentöchter

Spieleabende sind eine der schlimmsten Erfindungen des modernen Menschen. Schlimmer noch als Karaokebars und Shopping Malls und nur knapp besser als Singlepartys und Firmenfeiern. Sie sind allenfalls für Sozio- und Psychologen interessant, weil sie frei Haus den Beweis liefern, daß sich der Mensch in bestimmten Bereichen seit dem Kindergarten nicht nennenswert weiterentwickelt hat. Verlieren z.B. können auch heute nur die wenigsten, ohne dabei knirschend Zahnschmelzschäden zu verursachen. Ich habe schon heftige, durch Unstimmigkeiten bei Trivial Pursuit heraufbeschworene Ehekrisen miterlebt und gesehen, wie Erwachsene heulend und Türen knallend eine muntere Therapy-Runde verlassen.

Und trotzdem konnte man mich in einer schwachen Minute (eine schwere Erkältung hat mein Hirn in flauschige Watte verwandelt) überreden, gestern an einem Spieleabend teilzunehmen. Das zu allem Überfluß in Harburg, einem Stadtteil südlich der Elbe, der eher zufällig noch zu Hamburg gehört und, von den meisten Hanseaten geflissentlich ignoriert, ein Eigenleben mit Shopping Malls, Multiplex-Kinos und den überwiegend männlichen Studenten der Technischen Universität führt. Ich war in meinem Leben genau zwei Mal dort. Aber die Aussicht auf gutes Essen und sehr angenehme Gesellschaft hat mich schon um die halbe Welt und gestern eben auch nach Harburg reisen lassen.

Fazit: Harburg hat die netteren Alkoholiker, mit den richtigen Menschen lassen sich irgendwie sogar Spieleabende überstehen und trotzdem habe ich von beidem genug für die nächsten fünf Jahre. Mindestens. Ich war spät dran und lief mit wehendem Richthofen-Mantel zum Ort des Geschehens. Vor mir auf dem schmalen Bürgersteig im Zeitlupentempo zwei streng riechende Männer mit ungebändigtem Haupthaar und größeren Alkoholvorräten unter dem Arm. Die beiden bitten mich ausgesprochen höflich, sie doch einfach zu überholen.

Kaum habe ich sie hinter mir gelassen, sagt der eine: „Oh, die junge Dame ist aber wirklich gut gebaut.“ Das klang erstaunlicherweise überhaupt nicht anzüglich, sondern schlicht feststellend. Sein Freund erwidert daraufhin: „Die ist bestimmt Pastorentochter. Die Pfaffen hatten schon immer die schönsten Töchter. Und schon damals kam man nicht an die ran.“ Ich bin zwar Presbyter-, aber nicht Pastorentochter und drehe mich noch mal zu den beiden um: „Stimmt nicht, ich bin Bauerntochter.“ – „Das kann nicht sein. Die haben Pferdebeine, Sie nicht.“ Ich wünschte, sie hätten das meiner Mutter erzählt und nicht mir. Am besten schon vor 20 Jahren. Das hätte mir viel Elend ersparen können.

Später kam ein Spiel auf den Tisch, bei dem man möglichst frei zu beliebigen Themen von Malern des 17. Jahrhunderts bis hin zu Fußballtrainern assoziieren soll, dabei aber bitteschön zehn vorgegebene Begriffe zu treffen hat. Die kinderlosen Gastgeber sollten möglichst viele Begriffe nennen, die mit „Kinder-„ anfangen. Das Ergebnis war sehr aufschlußreich: „Kinderlosigkeit, Kinderkrankheiten, Kinderarbeit, Kindergefängnis, Kindstod.“ 0 Punkte. Zumindest in den Augen der Spielentwickler. Die Kaltmamsell hätte sicherlich zwölf vergeben.

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