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2005-10-05 - 03:36 - Zimmer mit Aussicht

Das Hamburger Untersuchungsgefängnis liegt sehr zentral und verkehrsgünstig an der Holstenglacis. Das ist praktisch, weil dann weder die Polizei weit fahren muß, wenn sie die Messerstecher vom Kiez einquartieren will, noch die Anwälte unnötig viel Arbeitszeit auf der Straße vergeuden. Praktisch ist es aber auch, weil so die Bewohner der vorderen Zimmer bei gutem Wetter „im Fenster liegen“ können, wie man im Ruhrpott sagt, und ein abwechslungsreiches urbanes Unterhaltungsprogramm genießen dürfen.

Weniger praktisch ist es, wenn man als Frau selbst Teil des urbanen Unterhaltungsprogramms wird, weil man etwa auf die dumme Idee kommt, bei Sonnenschein auf dem Weg ins Schanzenviertel an der JVA vorbeizulaufen, weil das nun mal der kürzeste Weg ist. Die gelangweilten Männer haben häufig ein beachtliches Stimmvolumen und schrecken auch vor derberen Kommentaren nicht zurück. Das wiederum erfreut die übrigen Fußgänger, die dann verstohlen kichern oder auch mal eben kommentieren, was sie sonst natürlich nie wagen würden.

Am besten läuft man am frühen Abend dort vorbei, direkt nach dem Ende der offiziellen Besuchszeit. Dann beginnt nämlich der inoffizielle Teil des Besuchs, zumindest für die Glücklichen mit Fensterplatz nach vorn, und man hat als Untersuchungshäftling Wichtigeres zu tun als fremde Frauen zu kommentieren. Vor allem wenn einem das eigene Wohl am Herzen liegt. Denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen dann die Mütter / Ehefrauen / Freundinnen der Insassen, mit jeweils etwa zwei Metern Abstand voneinander, gucken streng und erstatten Bericht. Und zwar laut schreiend, weil es eine große Straße, eine Mauer und einen Innenhof verbal zu überwinden gilt. Die Männer antworten mit derselben Inbrunst.

Weil nun aber nicht alle durcheinander schreien können, geht es einer ungeschriebenen Regel folgend immer hübsch der Reihe nach. Jeder Besuchstrupp hat ein paar Minuten zum Schreien, dann sind die nächsten dran, die schon ungeduldig mit den Handtaschen spielen oder genervt telefonieren – mit irgendwelchen Freundinnen, nicht mit den einsitzenden Männern versteht sich. Meist bekommt man nicht viel mit, weil die Unterhaltungen in Fremdsprachen geführt werden.

Beim letzten Mal konnte ich mir immerhin einen Teil der Geschichte zusammenreimen, weil sich ein aufgeregter Trupp um einen tiefergelegten, aufgerüschten BMW versammelt hatte, abwechselnd das Auto streichelte und heftig gestikulierend Dinge auf Türkisch brüllte. Mitten im Satz dann plötzlich die Worte „Lackschaden“ und „Arschloch“. Beides wurde mehrfach vehement vorgebracht. Dann trat eine der Frauen kräftig gegen den Hinterreifen, was offensichtlich das Signal zum Abbruch des Gesprächs war, der Trupp verschwand eilig im Wagen und überließ den brüllenden U-Häftling seinem Schicksal.

Leider ist mir nicht bekannt, ob sich das Ehepaar Falk auch auf diese Art ausgetauscht hat.

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