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2005-10-10 - 16:04 - Zechprellerei und ne dicke Lippe in Wilmersdorf

Geburtstagsdickmann steht vor mir, Geschenke sind drumherum aufgebaut, der Anrufbeantworter blinkt hektisch wie schon lange nicht mehr, die Betreff-Zeilen in der Mailbox kennen heute nur ein Thema und selbst der Hund ist noch so erschöpft von Berlin, daß er gar nicht anders kann als sich anständig zu benehmen. Vielen, vielen Dank Euch allen!

Berlin bleibt ein Abenteuer für Hundebesitzer. Die Tierhandlung an der Ecke z.B. hat ein großes Schild im Fenster, das „Hundefrischfleisch“ anpreist und man weiß nicht so genau, ob das nun der Gesundheit des eigenen Hundes wirklich förderlich ist oder nicht. Außerdem gibt es lustige Schilder, auf denen „Hunde sind unbedingt anzuleinen“ steht, während das Piktogramm darunter einen völlig leinenfreien, munter herumtollenden Hund zeigt. Ich habe spontan beschlossen, meine Muttersprache vorübergehend zu vergessen und dem Hund Auslauf zu gönnen. Die experimentelle Melonenfütterung, liebe Mitfrühstücker von Sonntag, hat das Tier übrigens in eine Giftgasfabrik verwandelt. Es gibt jetzt mehrere komplett entlaubte Orte entlang der Strecke Berlin – Hamburg.

Und selbst noble Berliner Stadtteile, in denen als schlimmstes Verbrechen bislang das Tragen brauner Schuhe nach 17 Uhr galt, haben sich längst dem Sittenverfall ergeben. Ich saß in einer kleinen Wohnung im vornehmen Wilmersdorf, als es Freitag abend an der Tür klingelte. Das erste Klingeln konnte ich noch ignorieren, mache ich zuhause schließlich nicht anders, das vehemente Klopfen an der Tür nicht mehr. Vor mir standen zwei zierliche Japanerinnen mit weißen Blusen, kurzen Röcken und dicken Wollstrumpfhosen, eine dritte huschte grad durchs Treppenhaus. Wahrscheinlich hätte mich ein weniger dezentes Schulmädchen-Outfit auch zum Spenden für Wasauchimmer animieren können, so mußte ich sie ohne Finanzspritze wegschicken.

Im Nachbarhaus sah man das ganz ähnlich, war aber weniger freundlich gestimmt. Als ich fünf Minuten später vor die Tür ging, um Julie zum Abendessen zu treffen, rannten zwei der jungen Frauen kreischend vor die Tür, während die dritte von einem sehr deutlich nach Alkohol stinkenden, Obszönitäten brüllenden Kerl unsanft nach draußen bugsiert wurde. Sie muß vorher nähere Bekanntschaft mit seiner Faust geschlossen haben, denn ihre Unterlippe blutete und sie weinte. Ich wollte gerne glauben, daß es sich um irgendwelche Aufnahmen mit der versteckten Kamera handelt, aber das Blut sah echt aus, die Tränen auch und das Licht war sehr ungünstig für Filmaufnahmen.

Also kramte ich Taschentücher und Handy raus, rief die Polizei, und hockte mich mit den geschockten Frauen auf die Stufe des Nachbarhauses. Die Polizei ließ sich Zeit, und als sie endlich kam, hatte ich naßgeweinte Schultern und aus Solidarität selbst verdächtige Mascaraspuren im Gesicht. Verdammte Östrogene.

Sehr viel später hätte ich die Polizei fast ein zweites Mal treffen dürfen, denn Frau Julie und ich hatten uns gerade 200 Meter vom Restaurant entfernt, als eine Kellnerin laut „Halt! Stehenbleiben!“ rufend hinter uns herrannte. Sie wedelte energisch mit der Rechnung, guckte mißtrauisch und wollte wissen, ob wir wirklich bezahlt hatten. „Sicher? Haben Sie bei mir bezahlt?“ Wir mußten uns mühsam das Lachen verkneifen, denn weder Julie noch ich hätten die nötige Nervenstärke, um als Zechpreller in die Nacht zu spazieren. Von unseren unerschütterlichen moralischen Grundsätzen ganz zu schweigen.

Ich konnte mich leider nicht genau erinnern, bei wem wir nun gezahlt hatten und die Frau guckte zunehmend kritischer von schräg unten. Frau Julie, die sich auf Augenhöhe mit der zierlichen Kellnerin befand, trat mir dann kräftig auf den Fuß und regelte die Sache freundlich, aber bestimmt. Ich guckte derweil belemmert in die Nacht und fühlte mich wieder wie früher auf dem Schulhof, als alles sozial Relevante anderthalb Köpfe unter mir abgewickelt wurde.

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