Ich gehe wirklich gern ins Kino, aber aus mir wird nie ein großer Filmexperte werden. Mein Hirn ist einfach nicht dafür geschaffen, Dinge längerfristig zu speichern, die ihm audiovisuell verabreicht werden. Vermutlich fehlen da entscheidende Rezeptoren oder Speicherbausteine. Bei mir werden nur Dinge dauerhaft gelagert, die ich mal gelesen habe, der Rest wird mit einer dem Filminhalt entsprechenden Gemütsregung quittiert und dem Vergessen überlassen.
Mein kleiner Bruder hat sich diese mentale Fehlfunktion gern an langweiligen Regentagen zunutze gemacht, indem er mir Filme auf Video gezeigt hat, die wir schon längst ein oder zwei Mal zusammen gesehen hatten. Dann hat er die Zeit gestoppt, die ich brauchte, um festzustellen, daß ich den Film bereits kenne. Die ersten Verdachtsmomente stellten sich bei mir jedoch frühestens nach einer halben Stunde ein, und dann mußte ich den Film trotzdem bis zum Schluß sehen, denn das Ende wäre mir auch in der vierten Wiederholung nie eingefallen. Und natürlich hätte mein Bruder eher auf seine Weihnachtsgeschenke verzichtet als mir auf die Sprünge zu helfen.
Die meisten Menschen sind weitaus besser gerüstet für die moderne Welt als ich. Sie speichern scheinbar mühelos komplette Filme und reproduzieren minutenlange Dialoge ganz nach Belieben. Einige, wie etwa der Leichtmatrose, merken sich nicht nur alle möglichen Details, sondern beziehen auch große Teile ihrer Allgemeinbildung aus Filmen. Während ich einen Reiseführer bemühen oder gleich mit dem Hund um den See laufen muß, um festzustellen, daß es ein Jagdschloß im Grunewald gibt, kann er gelassen darauf verweisen, daß die Nazis dort doch den Vater von Indiana Jones gefangen hielten. Ich kann mich dank Sean Connery zwar gerade noch so daran erinnern, daß Indiana überhaupt einen Vater hat, aber in meiner Filmversion war garantiert nie von einem Schloß im Grunewald die Rede. Und überhaupt, hielt Indy sich nicht vorzugsweise an unglaublich exotischen Orten auf? Ich kann am Grunewald nichts Exotisches finden, von den Nackten vielleicht mal abgesehen.
Man kann das mit der Allgemeinbildung made in Hollywood allerdings auch übertreiben. Bei einer Diskussion über „spirituellen Schnickschnack“ landeten wir irgendwann bei Aura-Fotografie und ähnlichen Jutebeutelbenutzerhobbys. Mir fiel prompt die Geschichte vom Loch in meiner Aura wieder ein, doch anstatt wenigstens amüsiert zu gucken, legte der Leichtmatrose den Kopf schief und sagte nachdenklich: „Womöglich ist da ja was dran. Auf jeden Fall erzeugen Menschen ein großes Energiefeld, sonst würden sie nicht immer wieder in Filmen von Außerirdischen als Batterien mißbraucht werden.“ Ich habe mich wirklich höflich zurückgehalten in meiner Reaktion. Mein Gelächter war höchstens bis zur anderen Straßenseite zu hören.
Zur Strafe muß ich jetzt Terminator 1 bis unendlich und alle Matrix Filme noch mal sehen. Ich wußte nicht, daß die rote Kapsel so schwer zu schlucken ist.
(Aber vielleicht sollte die evangelische Kirche mal erwägen, häufiger kryptische Gottesbeweise in Spielberg-Filmen unterzubringen. Es gibt sicher noch mehr Leichtmatrosen da draußen, das könnte den schwächelnden Mitgliederzahlen also nur guttun.)
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