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2005-10-21 - 22:23 - Jugendkegelmeister Ostwestfalen-Lippe mit Bauchansatz

Ich bin ein großer Fan von Kieser Training. In den letzten zehn Jahren habe ich diverse Sportarten und noch viel mehr Fitneß-Studios ausprobiert, und nichts kann es in Sachen Effizienz mit Kieser aufnehmen. Mein Körper baut nur sehr widerwillig Muskulatur auf, sieht man mal von den furchtbaren Fußballerwaden ab, die man schon auf Babyfotos erahnen kann, aber dank Kieser habe ich inzwischen sogar deutlich sichtbare Schulter- und Armmuskeln (böse Zungen behaupten, ich sei jetzt nicht nur groß, sondern groß und breit, und wenn alle Stricke reißen, kann ich bei Moskau Inkasso anheuern). Dinge, von denen ich noch vor drei Jahren nicht mal zu träumen gewagt hätte. Darüber hinaus wirkt das regelmäßige Krafttraining auch Wunder für meinen geschundenen Rücken. Da nehme ich sogar in Kauf, daß meine ohnehin schon auffällige Kehrseite jetzt noch deutlicher in die Welt ragt.

Aber Kieser hat noch einen anderen, ganz entscheidenden Vorteil: seine Unaufgeregtheit. Bei Kieser gibt es keine hippen Hüpfkurse, kein motivierendes 1-2-3-und-gleich-noch-mal-Ladies, kein Gruppenkuscheln, keine Fernseher, keine Musik, so gar nichts, das laut Lifestyle schreit. Das bedeutet, daß man anders als in trendigeren Studios sein Make-up nicht schon vor dem Training auffrischen muß und beim Training selbst nicht immer den String-Tanga im Cellulite-freien Hintern der Vorturnerin verschwinden sieht.

Diese Unaufgeregtheit ist zugleich ein entscheidender Nachteil von Kieser, denn auch hier zeigt sich, daß größtmögliche Freiheit nur den wenigsten Menschen bekommt. Vor allem Männer nutzen die entspannte Trainingsatmosphäre gern, um Leibchen aufzutragen, die bereits von der Altkleidersammlung empört zurückgewiesen wurden. Ältere Herren, deren Begriff von Lässigkeit sonst bei der gelockerten Krawatte endet, tragen vergilbte T-Shirts, die von der Kreuzfahrt auf der Arosa zur Silberhochzeit künden. Ärzte und Apotheker tragen ihre Haut für die Pharma-Industrie zu Markte, die prinzipiell jede Mark ins Produkt und keine ins Produktdesign steckt. Männer mit Goldrandbrille und gelacktem Seitenscheitel versuchen dagegen, durch das Tragen von totenkopfverzierten St. Pauli Shirts einen subkulturellen Ausgleich zu ihrem eher drögen Alltagsimage herzustellen (haben wir früher nicht alle ein bißchen Punk gehört und so).

Mein Favorit aber ist der beruflich solide verankerte Mittdreißiger, der zu Schulzeiten zum letzten Mal so etwas wie Sport getrieben hat und jetzt vor der Koalition aus Hausarzt (Rückenschmerzen) und Ehefrau (kritischer Blick auf den Bauch, der natürlich nur ein zarter Bauchansatz und obendrein sehr kuschelig ist) in die Knie geht. Um besser an das positive Körpergefühl seiner goldenen Jugend anknüpfen zu können, holt er seine alte Lieblingssporthose wieder vom Dachboden. Die Hose, in der er seinerzeit bei den Bundesjugendspielen 1987 den ewigen Rivalen Michael Niedmann aus der 10b beim Weitsprung geschlagen und so Ina Radulke aus der Neunten für etwa fünf Minuten beeindruckt hat.

Die Hose aus Sweatshirt-Stoff mit den ausgeleierten Bündchen ging schon damals nicht ganz bis zu den Knöcheln und erreicht heute mit viel Ächzen gerade noch die Mitte der dünnen Waden. Ihr verwaschenes Hellblau paßt dafür perfekt zu dem verblichenen „Jugendkegelmeisterschaften Ostwestfalen-Lippe“-Schriftzug auf dem T-Shirt. Der Stoff knirscht und stöhnt und will an den Rändern bereits flüchten. Unter den Achseln ist irgendeiner geheimen Gesetzmäßigkeit folgend immer ein Loch, das magisch Blicke anzieht. Man will unweigerlich den Finger hineinstecken und den Träger so lange kitzeln, bis er sich endlich des Fetzens entledigt und bei den schlanken Fesseln von Ina Radulke schwört, gleich morgen früh mit einem Einkauf bei Sport Karstadt ein neues Bekleidungszeitalter einzuläuten.

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