Man sollte meinen, ich hätte mich längst an die großen und kleinen Dramen gewöhnt und könnte den diversen Unannehmlichkeiten des Hundehalterlebens mit einem lässigen Schulterzucken begegnen. Aber weit gefehlt, ich verbringe immer noch sehr viel Zeit damit, mich für das Verhalten meines unverbesserlichen Hundes zu schämen und Entschuldigungen in alle Himmelsrichtungen zu schicken. Rot droht inzwischen zur Standardgesichtsfarbe zu werden. Meist ist seine Gefräßigkeit in Kombination mit seinem Geschick schuld an meinen plötzlichen Hitzewallungen (ehrlicherweise könnte man auch sagen, meine gelegentliche Unaufmerksamkeit im öffentlichen Raum sei schuld, aber meine Lage ist auch ohne übertriebene Ehrlichkeit unangenehm genug).
Als ich heute mittag zum Essen in mein zweites Wohnzimmer gehe, kommt mir Tina, die Wirtin, breit grinsend entgegen. „Das Übliche, Darling?“ fragt sie mich und beugt sich zum Hund. Eine Antwort erwartet sie eh nicht. Ich bin in meinen kulinarischen Gewohnheiten manchmal entsetzlich berechenbar. Sie krault dem Monster ausgiebig den Kopf und sagt dann kichernd: „Und für dich vielleicht noch ein Stück Kuchen, Kleiner?“ Ich bin verwirrt. Kuchen? Seit wann bekommt der Hund denn Kuchen? Hier gibt’s ja sonst nicht mal Kuchen für die Gäste.
Die Antwort serviert sie mir mit dem Essen. Als ich vor etwa anderthalb Wochen abends mit Marc dort zum Essen war, saß in der hintersten Ecke des Laden eine kleine Geburtstagsgesellschaft. Die Jubilarin, eine resolute Blondine um die 50, hatte allerhand Tüten und Taschen mit Geschenken neben sich geparkt. Im Laufe des Abends ist der Hund irgendwann unbemerkt aus seinem Geschirr geschlüpft und hat im Rahmen einer Inspektionstour auch am Geburtstagstisch halt gemacht. Der dünne schwarze Hund fiel im schummrigen Halbdunkel nicht weiter auf und konnte daher unbehelligt seine Schnauze in eine der Tüten stecken. Natürlich nicht in irgendeine Tüte, sondern in die Tüte mit dem großen Geburtstagskuchen.
Als etwa die Hälfte des Kuchens vernichtet und ein angemessener Sättigungsgrad erreicht war, kehrte er höchst zufrieden mit seiner Leistung an unseren Tisch zurück. Ich war zwar mißtrauisch, weil er sich ausgiebig die Schnauze leckte und einfach zuviel Zufriedenheit ausstrahlte, aber da nirgendwo lautes Gezeter ausbrach, wandte ich mich wieder Marc zu. Die Geburtstagsgäste brachen lange vor uns auf – und zwar Richtung Heimat der Jubilarin, um den Abend dort mit Kaffee, Cognac und, man ahnt es schon, dem halbierten Geburtstagskuchen zu beschließen.
Zum Glück hat die Beschenkte die Überraschung beim Auspacken des Kuchens wohl mit Fassung getragen, die angenagten Stellen einfach großzügig weggeschnitten und ihren Gästen unter lautem Gelächter den verbliebenen Rest serviert. Ich habe mir trotzdem von Tina ihre Nummer geben lassen und mich heute nachmittag x-fach mit hochrotem Kopf bei ihr entschuldigt. Da sie direkt um die Ecke wohnt, werde ich ihr am Wochenende einen Ersatzkuchen bringen. „Kalter Hund“ dürfte in dieser Situation die einzig richtige Wahl sein.
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