Ich bin es leid, durch Telefonate mit Menschen in südlicheren Bundesländern überrascht feststellen zu müssen, daß man uns im Norden schon wieder einen Feiertag vorenthält. Also habe ich mir in diesem Jahr einen Feiertag ergaunert, indem ich einfach zu meinen Eltern in den Pott gefahren bin. Bei all der Freude über unrechtmäßig erworbene Freizeit vergißt man allerdings leicht mal, daß Feiertage einkaufsfreie Zeitzonen sind und findet sich plötzlich kurz vor Ladenschluß hektisch auf der Straße wieder.
Ich brauchte bloß ein Kabel und hatte keine Lust auf das Feierabend-Geschubse bei den großen Elektro-Ketten. Außerdem soll man ja sowieso lieber den alteingesessenen Einzelhandel unterstützen, erst recht, wenn der sich überraschend als Abenteuerspielplatz entpuppt. Zeitreise zurück in die 80er inklusive. Der Elektrohöker meiner Wahl war zunächst mal eines: voll. Und zwar nicht voller Kundschaft wie die großen Elektro-Ketten, sondern voll mit ... Kram. Ich kann mich nicht erinnern, je ein so vollgestopftes Geschäft außerhalb Afrikas gesehen zu haben.
Ich blieb gleich in der Tür stehen, atmete tief durch und versuchte vergeblich, mir einen Überblick zu verschaffen. Auf den ersten Blick waren weder Angestellte noch ein Kassenbereich zu entdecken. Gelegentlich schlenderte ein kleiner Junge vorbei, der die flehentlichen „Paul“-Rufe einer älteren Dame gelassen ignorierte und lieber die schmuddeligen Glasscheiben der Vitrinen mit Abdrücken seines Kirschlollis dekorierte. Die Anordnung der hohen, übervollen Glasvitrinen und Metallregale folgte keiner erkennbaren Systematik. Man mußte sich notgedrungen durch die sehr schmalen Gänge schlängeln, nach Möglichkeit ohne dabei eines der „Schnäppchen“ runterzustoßen, die überall ausgestellt waren.
Die Schnäppchen allein wären schon einen Besuch wert. Da steht ein altes Dampfradio neben bunten Heimdiskolichtern, ein arg lädierter, ferngesteuerter Porsche („Supersuperschnäppchen“) neben einem Stapel Mousepads mit einer nackten Samantha Fox vor einer Küchenzeile darauf (und einem verdächtigen Kirschlollimuster auf der Glasscheibe davor). Dazu jede Menge „Supermegaschnäppchen“ in Form von Elektrogeräten, auf deren Verpackung mit Edding „ein Teil fehlt, Funktionsfähigkeit wird nicht garantiert“ oder gleich „nur für Bastler“ notiert wurde. Käufer von blümchenverzierten Trockenhauben kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie hoffnungsvolle Schatzsucher, die noch einen Metalldetektor brauchen. Mein Favorit war aber ganz eindeutig das Alf-Telefon, bei dem ein leicht angegammelter Plüsch-Alf ein diarrhoefarbenes Telefon anreicht. Und natürlich der ominöse Glaskolben mit dem schwarzen Aufsatz, der irgendwie an eine überdimensionierte Penispumpe erinnert. „Superschnäppchen für Phantasiebegabte – nur 10 Euro.“
Zwischen all den Schätzen finde ich schließlich auch den Ladeninhaber, einen zierlichen Mann mit schütterem, zurückgegeltem Haar und einem prächtigen Victor-Emanuel-Bart. Er ist zu sehr mit der Oma von Paul beschäftigt und verweist mich daher an seinen Azubi, der gerade aus den Tiefen des Ladens auftaucht. Der Azubi ist frisch eingestellt, sieht aber so aus, als sei er speziell für diesen Laden angefertigt worden. Er ist klein und extrem dünn und hastet in Rekordgeschwindigkeit durch die engen Gänge. Seine Arme sind überdimensional lang und auf dem Kopf trägt er dieselbe Pomade wie sein Chef. Am auffälligsten ist sein riesiger Adamsapfel, der wie ein zweiter Kopf kurz über dem Schlüsselbein sitzt. Wenn er redet, bewegt sich der Adamsapfel viel energischer als sein Mund und ich muß mir Mühe geben, nicht versehentlich mit seinem Zweitkopf zu reden.
Aber die Beratung war wirklich ganz hervorragend und das Kabel ein Schnäppchen. Außerdem habe ich gleich einen Teil meiner Weihnachtseinkäufe erledigt, schließlich war Samantha Fox die heimliche Jugendliebe von Herrn Schulte.
Schon gelesen?
2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus
2007-06-25 - Gruß aus Amman
2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen
2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex
2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht








