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2005-11-04 - 15:16 - Der Tag, an dem das Abendland in einem Bus der Linie 109 unterging

Natürlich hängt das Bild einer Person immer auch sehr davon ab, wen man zu der Person befragt. Die eine Hälfte meines Freundeskreises würde mich vermutlich als eher konservativ bezeichnen, die andere Hälfte hält mich dagegen für eine liebenswerte, aber recht exzentrische Person mit fragwürdigem Lebenswandel. Heute morgen schlug mein innerer Pegel ganz eindeutig in Richtung konservativ. Ich wurde wieder mal in meiner Ansicht bestärkt, daß es der Welt ganz allgemein an Etikette fehlt. Nicht die Pisa-Ergebnisse oder Hartz IV läuten den gesellschaftlichen Untergang ein, sondern der Mangel an Umgangsformen und der Totalverlust von Stilempfinden meiner Mitmenschen.

Als ich heute morgen in den Bus stieg, ließen sich vor mir zwei Anzugträger um die 30 nieder. Sein elegantes Äußeres hielt den Linken nicht davon ab, sich noch mal kurz beherzt das Gemächt zurechtzurücken, bevor er sich setzte. (Das ist auch so etwas, was ich nicht verstehe. Warum tragen Männer diese unerotischen, weiten Schlabberboxershorts, wenn sie das Gebaumel nicht ertragen und alle paar Minuten handgreiflich werden müssen?) Der Bus war kaum losgefahren, als der Rechte aufgeregt sein Handy zückte. „Hier, die Kleine von gestern, echt unglaublich.“ Während ich noch an eine Wiederholung dieser Begebenheit glaubte, verwandelte sich das Handy vor meinen Augen in einen veritablen Pornokanal.

Erst nur ein paar Pixel, dann erkennt man das Profil einer jungen blonden Frau. Sie lächelt, schaut nach oben und macht kurz irgend etwas außerhalb des Bildschirms. Als sie wieder auftaucht, wackelt vor ihrem Mund etwas herum, das auch leicht verpixelt noch unverkennbar nach Schwanz aussieht, und sie macht sich gleich fröhlich ans Werk. „Ha, kraß“, sagt der Linke und ich stimme ihm innerlich zu. „Und das Beste ist, die hat das nicht mal gemerkt. Ich hab gesagt, ich müßte nur noch eben das Handy ausmachen, man will ja bei so was nicht von der Firma gestört werden und so, und dann hab ich statt dessen die Kamera eingeschaltet und das Ding aufs Bett gelegt. Es war aber Glück, daß sie wirklich so genau drauf ist.“ Der Rechte wirkt außerordentlich zufrieden.

Ich überlege kurz, ob eine heftige feministische Aufwallung wohl als Rechtfertigungsgrund vor Gericht Bestand haben könnte, sehe dann aber schweren Herzens davon ab, meine Hände kräftig und ausdauernd um seinen Hals zu schließen. Statt dessen starre ich ihn durchdringend an und stelle mir vor, wie meine Blicke ein eitriges Loch in sein Genick brennen, bis er sich nach seiner Mama schreiend am Boden windet. Natürlich passiert nichts dergleichen. Der Linke kichert nur zwischendurch mal beifällig bei besonders gelungenen Einstellungen. Eine ältere Dame dreht sich irritiert zu den beiden um, kann aber offensichtlich nicht so genau erkennen, was da vor sich geht und beläßt es daher bei mißbilligenden Blicken. Unterdessen schmatzt und schlabbert die Blondine vor sich hin, gelegentlich vernimmt man auch ein leises Würgen, während er höchst zufrieden grunzt und tatsächlich zwei Mal gepreßt „Oh ja, Baby“ sagt.

Meine Hoffnung, es könnte sich um einen regulär gedrehten Porno handeln, mit dem er bloß seinen Kumpel beeindrucken will, wird am Ende des Filmchens zunichte gemacht. Der Mann kommt, greift nach dem Handy, und von dem Minibildschirm grinst mich ganz eindeutig der rechte Anzugträger an. Das ist zuviel für meine konservative Seite. Ich stehe auf und verabschiede mich mit „Gott, seid Ihr widerlich“. Wenigstens haben beide den Anstand, für Sekundenbruchteile erschrocken zu gucken. Aber das wird ihnen nichts nutzen, der Untergang des Abendlandes steht unmittelbar bevor.

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