Die Universität Hamburg, genauer gesagt das Institut für Soziologie, hat sich getraut und unter der Leitung von Prof. Marianne Pieper und Robin Bauer die weltweit erste Konferenz zum Thema Polyamory organisiert (ich bleibe hier beim englischen Terminus, weil sich meines Wissens noch kein adäquater deutscher gefunden hat und Mehrfachliebende oder ähnliche Konstrukte zu sehr nach Kommune1-Seligkeit klingt): Bei der „International Conference on Polyamory and Mono-Normativity“ ging es sowohl um die verschiedenen Formen polyamouröser Beziehungen (könnte mal bitte ganz fix jemand ein hübscheres Wort dafür finden) als auch um deren konkrete Ausgestaltung in einer Welt, die auf einem binären Partnerschaftsdenken basiert.
Entgegen landläufiger Vorstellung handelt es sich bei den „Polys“ nämlich keineswegs um die bei RTL & Co. so beliebten Swinger, die sich am Wochenende zur Freude von TV-Redakteuren in „Roswitas frivolem Stübchen“ zu einer namenlosen schwitzenden Masse vereinigen, sondern um Menschen, die ihre romantischen und sexuellen Beziehungen nicht auf eine Person beschränken wollen (was je nach Definition und Selbstverständnis Swinger einschließen kann). Das kommt wesentlich häufiger vor als man annehmen möchte und ist nicht etwa obskuren gesellschaftlichen Randgruppen vorbehalten, die Ottonormallieber gerne von seinem Radar verbannt. Nein, womöglich hat sogar der nette Apotheker von nebenan zusammen mit seiner reizenden Gattin eine Freundin, oder Frau Gemahlin vergnügt sich mit ihrem jugendlichen Liebhaber.
Und zwar tun sie das nicht still und heimlich, wie das in vermeintlich monogamen Beziehungen allzu oft der Fall ist, sondern offen und mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Dabei sind die unterschiedlichsten Konstrukte denkbar: Eine Primärbeziehung, in der beide noch andere sexuelle Kontakte pflegen oder mehrere gleichberechtigte Beziehungen nebeneinander oder gleich ein kleines engmaschiges Netzwerk aus kreuz und quer verliebten Menschen und sicher noch viel mehr, was mir grad nicht in den Sinn kommt. Und es geht, wie fast immer im Leben, um viel mehr als bloß körperliche Befriedigung, nämlich um Zuneigung, Nestwärme, Geborgenheit, Unterstützung, die Gründung moderner Wahlfamilien usw.
Natürlich ist das eine hochkomplexe Angelegenheit, die jede Menge Kommunikation in alle Richtungen erfordert und jede Menge Verletzungspotential auf allen Seiten birgt, doch im Idealfall wird das Leben aller Beteiligten dadurch enorm bereichert. Aber Polyamory bricht radikal mit sehr fest verankerten gesellschaftlichen Werten und Vorstellungen darüber, wie sich romantische Liebe anzufühlen hat und wie die entsprechende Zweierbeziehung zu gestalten ist. Das schürt Angst und Mißtrauen – häufig auf beiden Seiten.
Monogame Menschen halten Polybeziehungen gerne mal für nicht ganz ernstzunehmende Beziehungen zweiter Klasse, für Behelfskonstrukte sexsüchtiger, beziehungsunfähiger Opfer der Postmoderne. Umgekehrt müssen sie sich übertriebene Verlustangst, unkontrollierte Eifersucht und Besitzdenken vorwerfen lassen. Die amerikanische Dozentin Kassia Wosick-Correa berichtete von ihrer Einführungsvorlesung zum Thema Sexualität, bei der sie die unterschiedlichsten sexuellen Identitäten und Lebensformen vorstellt. Ihre Studenten hätten weder mit Homo- noch Transsexualität oder SM ein Problem, würden beim Thema Polyamory aber regelmäßig gedanklich auf die Barrikaden gehen.
Hauptrednerin der Konferenz war Dossie Easton, Paartherapeutin aus San Fransisco, seit 1969 nicht-monogam („I can’t even remember how it works“) und Co-Autorin des Buches „The Ethical Slut“, das mittlerweile zu dem Poly-Standardwerk schlechthin geworden ist. Die Lektüre kann allerdings so ziemlich jedem guten Gewissens empfohlen werden, denn die Auseinandersetzung mit Eifersucht und anderen schmerzhaften Gefühlen bleibt gewöhnlich auch Menschen in monogamen Beziehungen nicht erspart. Außerdem kann man sich einige kluge Grundsätze, wie etwa seine Grenzen zu kennen und zu beachten oder Verantwortung für seine eigenen Gefühle zu übernehmen anstatt diese Verantwortung auf sein Umfeld abzuwälzen, gar nicht oft genug vor Augen führen.
Das Buch ist gut, aber Dossie Easton live ist einfach umwerfend. Eine ältere Dame mit rotblonden Locken und Blümchenrock, der man auf den ersten Blick eher fünf Katzen als fünf Geliebte zutrauen würde, betritt das Podium. Sie lächelt freundlich in die Runde und sieht eigentlich ganz harmlos aus. Dann aber beginnt sie zu reden und hat eine Minute später schon den kompletten Hörsaal in ihren Bann geschlagen. Sie hat Energie für drei, die Gesten einer Theaterschauspielerin, ist witzig, selbstironisch, wortgewandt, schlagfertig, politisch, gnadenlos offen und vor allem lebt sie, was sie predigt. Es geht ihr um viel mehr als nur die Freiheit, mehrere Menschen zu lieben. Es geht immer auch um persönliche und politische Entwicklung, um Verantwortung für sich selbst und die Gestaltung der Gesellschaft (Sex bleibt wohl doch noch eine Weile zumindest auch politisch). Hätte ich sie zehn Jahre eher kennengelernt, hätte ich nicht so lange mit dem Feminismus gehadert. Vermutlich hätte ich mir auch selbst das Leben nicht ganz so schwer gemacht.
Die gesamte Konferenz wird sowohl auf Redner- als auch auf Zuhörerseite geprägt von interessanten Menschen mit eigenen und oft auch eigenwilligen Lebensentwürfen, die viel zu sagen haben und nicht davor zurückschrecken, das auch in aller Deutlichkeit zu tun. Ich fühle mich sonderbar aufgehoben, auch wenn mein kleines Leben auf den ersten Blick herzlich wenig mit dem der lesbischen Soziologin aus der Kommune zu tun hat oder ich mir unter einer Doktorarbeit, die eine Analyse des Schweigens aus postkolonialer, feministischer Sicht zum Thema hat, herzlich wenig vorstellen kann.
Aber sie alle erinnern mich daran, daß es ein großes Privileg ist, sein Leben frei gestalten zu können, in allen möglichen Lebensbereichen seinen eigenen Weg zu suchen, gesellschaftliche Normen auf die Tauglichkeit für das eigene Leben hin überprüfen und im Zweifel auch verwerfen zu können. Ich vergesse leider gelegentlich, wie privilegiert ich wirklich bin. Manchmal scheint mir das alles so furchtbar anstrengend, bin ich mir selbst so unbequem. Dann will ich bitteschön sofort ein oder zwei nette role models oder wenigstens eine leserliche Straßenkarte für mein Leben (an dieser Stelle wird mein Vater, so er denn nicht längst vom Stuhl gerutscht ist, laut aufstöhnen und auf seinen hübschen Plan verweisen, der ein Jurastudium im beschaulichen Trier statt in der wilden Großstadt mit anschließender Anwaltstätigkeit in unmittelbarer Nähe zum elterlichen Heim vorsah – und er wird vergessen wollen, daß mir überhaupt erst die antiautoritäre Erziehung meiner Eltern diesen Drang zur Überprüfung angeblich in Stein gemeißelter Normen beschert hat). Und sie erinnern mich daran, daß wir in einer verdammt spannenden Zeit leben, in der noch längst nicht alle Themen abgeheftet und alle Grenzen erkundet sind.
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