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Blogtalk Reloaded

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2005-12-05 - 17:46 - Les Blogs 2.0, Supermodels und Himbeertörtchen

Woran erkennt man, daß man sich auf einer Geek-Konferenz befindet? Zunächst wird das WLAN zum Laufen gebracht, dann erst die Kaffeemaschine. Außerdem hat im Publikum so ziemlich jeder sein Notebook auf dem Schoß und auf der großen Leinwand hinter den Vortragenden kann man die parallele Diskussion im Backchannel verfolgen. Das erinnert alles ein klein wenig an Schulzeiten, wo man sich Zettelchen schrieb anstatt dem Vortrag irgendwo weiter vorne zu folgen. Nur daß man jetzt nicht den blöden Typen am Nachbartisch bestechen muß, das Zettelchen weiterzugeben, was sich äußerst positiv auf das Sozialleben auswirkt. Zumindest auf meins.

Dabei gibt genau das so gar keinen Anlaß zu Klagen derzeit. Es wäre nur schön, wenn sich irgendwo noch ein klein wenig Schlaf unterbringen ließe. Kaum in Paris angekommen, begrüßte Steven mich schon mit einem lauten „Daaahling“ vor dem Rathaus, wo Menschen nach ihrem Weihnachtseinkauf unter blinkenden Lichtern vor grandioser Kulisse Schlittschuh liefen. Wir verbrachten die nächsten drei Stunden damit, von einem (überwiegend schwulen) Café zum nächsten zu ziehen, in Mäntel gehüllt neben Heizpilzen draußen vor den Cafés zu sitzen, die Weihnachtsshopper an uns vorbeidefilieren zu lassen, kleine Himbeerkuchen zu essen und uns jeweils auf den aktuellsten Lebensstand zu bringen. Dank Stevens regem Sozialleben weiß ich jetzt mehr über die genitale Ausstattung diverser Kellner als ich mir je hätte träumen lassen.

Abends bin ich hin- und hergerissen zwischen einer schwulen Misswahl, bei der Steven und sein Freund Marlies in der Jury sitzen, und dem Blogger-Treffen am Vorabend der „les blogs“-Konferenz in einer Kellerkneipe direkt um die Ecke. Ich entscheide mich für die Blogger und damit auch für einen ziemlich krassen Wechsel der Subkulturen, weg von Törtchen und milchkaffeefarbenen Männern in amerikanischen Polizeiuniformen hin zu schrammeliger Gitarrenmusik und lustigen Menschen mit komischen Tattoos, die irre Dinge in dunklen Gewölben tun.

Und für reichlich Gespräche über Blogs, Podcasting, Videoblogging & Co. Man mag mich für verrückt halten, aber ich finde diese ganze Entwicklung immer wieder sehr, sehr spannend und bin froh, das alles live mitzuerleben und nicht nur mit Verspätung in der Presse darüber zu lesen. Es geht mir hier nicht um die kommerziellen Aspekte und die gefürchtete Wiederauferstehung der New Economy, sondern um die ungeahnten Möglichkeiten, die sich für den Einzelnen ergeben – als kreatives Ventil, als Ausgangspunkt für soziale Interaktion, oder um sich Gehör zu verschaffen bzw. Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, die in den traditionellen Medien keinen Platz finden. Was für eine Bereicherung. Da riskiere ich gerne, mir in fünf Jahren übertriebenen Enthusiasmus vorwerfen lassen zu müssen.

Der Mangel an Kaffee dämpft meinen Enthusiasmus heute morgen vorübergehend. Wie soll man ohne Koffein im Blut eine Revolution anzetteln? Oder auch nur höflichen Smalltalk machen? Die ersten Referenten, Shel Israel und Robert Scoble, sind zwar furchtbar berühmt und sehr sympathisch, sagen aber zum Glück nicht viel Neues, so daß ich in aller Ruhe aufwachen und die Tatsache verdauen kann, daß ich im Zustand entkoffeinierter Unzurechnungsfähigkeit schon Dinge in eine Kamera gesagt habe. Beim Mittagessen treffe ich reichlich interessante und unterhaltsame Menschen, u.a. Andrew Anker, Gründer von wired.com, aber anstatt uns atemberaubend visionär zu gebärden, tauschen wir Leidensgeschichten über freßsüchtige und erziehungsresistente Haustiere.

Dann ist es wirklich an der Zeit aufzuwachen, denn „recovering CNN-reporter“ Rebecca MacKinnon und Ethan Zuckerman stellen Global Voices vor, ein Netzwerk von Bloggern aus aller Welt, die Geschichten vor Ort aufgreifen und verbreiten, die sonst unterhalb des Radars großer Medien bleiben und vermutlich einfach untergehen würden. Das gilt vor allem für Berichte aus Ländern, denen hauptsächlich bei Katastrophen Aufmerksamkeit zuteil wird, die ansonsten aber höchstens aus den Augenwinkeln wahrgenommen und von durchschnittlichen Fernsehkonsumenten nur selten auf einer Weltkarte gefunden werden.

Noch etwas später lerne ich endlich Anina kennen, die im letzten Jahr so eine Art Multimedia-Supermodel geworden ist, regelmäßig live aus dem Backstage-Bereich großer Modenschauen bloggt und alle möglichen Akteure der glitzernden Fashionwelt mit dem Technologievirus infiziert hat (unbedingt ihr Projekt 360° Fashion anklicken). Und sie ist so reizend, daß ich neben ihr stehen und mich ganz entspannt mit ihr unterhalten kann, ohne irgendwelche peinlichen „Oh Gott ist die dünn und schön und ich bin ein unbeholfener Mops“-Weibchenallüren zu entwickeln. (Ich sag’s ja, revolutionär das hier alles.)

Das Zitat des Tages stammt übrigens von Heiko, der beim Anblick des von Lichtblitzen dekorierten Eiffelturms spontan sagte: „Na ja, in Leer haben wir auch eine beleuchtete Weihnachtspyramide, die immerhin 18 Meter hoch ist.“ Darauf noch etwas von dem guten Rotwein, der zum Erstaunen der amerikanischen Teilnehmer schon mittags gereicht wird.

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