Ihr werdet heute noch mehr enthusiastisches Gerede über die Les Blogs (was häufig lesblogs geschrieben wird und dann eher nach einer spaßigen Frauenveranstaltung klingt) ertragen müssen, bevor das Programm hier zur üblichen Kurzweil zurückfindet. Ich war nämlich gestern immer noch in Paris, immer noch bei der Konferenz und tatsächlich noch müder als am Tag davor. Was weniger an der abendlichen Führung durch den Newsroom des International Herald Tribune lag (großartig, sowohl das Großraumbüro als auch die uns freundlich informierenden Redakteure sahen so aus, als wären sie in den späten 80ern für genau diese Aufgabe gecastet worden), als vielmehr an der anschließenden Party – auch wenn der DJ sich redlich Mühe gab, den Laden möglichst schnell wieder zu räumen.
Gestern blieb allerdings keine Zeit zum langsamen Aufwachen, denn Mena Trott, Mitbegründerin von SixApart und erste Rednerin des Tages, hat gleich für lautstarke Diskussionen gesorgt. Sie hat über „civility in blogging“ gesprochen und zu verantwortungsbewußterem und höflicherem Bloggen aufgerufen. Ihr geht es nicht freundlich genug zu in der Blogosphäre. Und damit hat sie etwas aufgebracht, was mich häufiger beschäftigt.
Blogger sollen offen ihre Meinung vertreten und dabei bitte auch Kritik üben, wenn sie Mißständen begegnen oder sich über Dinge ärgern. Aber geht das trotz frei fließendem Herzblut einen kleinen Tick höflicher? Natürlich ist das Schöne an der Bloggerei die Spontaneität, die Subjektivität und der oft radikal persönliche Stil, aber für mich verliert das alles ein wenig seinen Reiz, wenn aus persönlichem Stil bloß persönlicher Angriff wird und jeder nach Herzenslust dem Volkssport Pöbeln frönt. Ich möchte einzelnen Bloggern und dem Phänomen generell gar nicht seine charakteristischen Ecken und Kanten nehmen, ich will erst recht nicht, daß dieser wilde Haufen zu einem Kuschelclub mit Yogitee-Ausschank mutiert, aber die Suche nach etwas mehr Balance zwischen den Extremen scheint mir lohnenswert. Gerade weil es hier selten allein um eine inhaltliche Diskussion, sondern fast immer auch um die Person geht. Vor- und Nachteil eines extrem personalisierten Mediums.
Ich finde diese Diskussion nicht wegen der möglichen Außenwirkung wichtig, sondern weil ich das Gefühl habe, daß die Bissigkeit und Heftigkeit der persönlichen Kritik viele Menschen ohne Elefantenhaut vom Bloggen abhalten wird. Und einer der großartigen Aspekte dieser ganzen Sache ist doch, daß sich absolut jeder mit minimalem Aufwand seine digitale soap box basteln kann und so immerhin die Chance bekommt, seine Meinung öffentlich zu machen (daß deshalb noch lange nicht jeder gelesen wird, ist eine ganz andere Sache). Ich weiß nicht, wie genau die Ideallinie auszusehen hat, der freundlichste gemeinsame Knuddelnenner ist es sicher nicht. Und ein komplexes Verhaltensregelwerk brauchen wir hoffentlich auch nicht. Aber manchmal wünsche ich mir doch eine etwas respektvollere, freundlichere Atmosphäre, bei der nicht jede persönliche Animosität zur Freude des staunenden Publikums als Sachdiskussion kaschiert ausgewalzt wird und bei der nicht ganz so oft verletzte Eitelkeit den Tonfall eines Eintrags bestimmt (na gut, vielleicht müßten wir dann doch den Robotern das Bloggen überlassen).
Die Stimmung bei Les Blogs wurde übrigens so richtig turbulent, als sich Mena zu der großen Leinwand hinter ihr umdrehte, auf der man die parallele Diskussion im Backchannel verfolgen konnte, und einen knappen Kommentar zu ihrem Vortrag las: „bullshit“. Ironischerweise war der Wunsch nach mehr Höflichkeit im Umgang spontan verflogen. Sie nannte den Kommentator „asshole“ und bat ihn aufzustehen. Ben Metcalfe stand tatsächlich auf und legte seine Sicht der Dinge angenehm ruhig und sachlich dar (nachzulesen hier). Seiner Meinung nach wird bei dem Thema nicht nur ein persönlicher, sondern auch ein großer kultureller Unterschied deutlich, weshalb Menas Vortrag auf der Konferenz sehr unterschiedliche Reaktionen nach sich zog. „Europeans are, if anything, known for their frank exchanges during conversation – certainly more than the Americans.” Tatsächlich?
Darum drehte sich die Diskussion schon vor drei Wochen beim Abendessen mit diversen Bloggern, darunter Heiko Hebig, Johnny Häusler, Andrew Carton und Gaby Darbyshire von Gawker Media, im Anschluß an den Jonet-Tag. Wir sprachen u.a. darüber, warum es in Deutschland verhältnismäßig wenig Blogs gibt und Gaby, eine in New York lebende Britin, beschied den Deutschen ein Übermaß an Zurückhaltung und Höflichkeit gerade im Vergleich mit den Amerikanern. Und diese Zurückhaltung vertrage sich eben nicht gut mit Bloggen. Aber vielleicht gilt ihre Aussage, wenn überhaupt, nur für Ostküstenbewohner. Bei deutschen Stammtischen dürfte zumindest kein Mangel an Meinungsfreude und Streitlust herrschen.
Und meine Erfahrung damals in Kansas deckt sich eher mit der Aussage von Ben, denn ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, daß meine Mitschüler mich für extrem unhöflich hielten, weil ich gerne und ausgiebig diskutierte und nie auf die Idee gekommen wäre, aus reiner Höflichkeit von meinem Standpunkt abzurücken. Man erwartete aber von mir (wie ich viel zu spät erfuhr), nicht ganz so entschieden aufzutreten und statt dessen absurde Floskeln aufzusagen wie „natürlich hast du auch recht mit deinem Standpunkt, man kann das ja auch ganz anders sehen als ich das tue“ (kann man, klar, aber man kann dann nicht erwarten, daß ich zustimme).
Aber schnell zurück nach Paris, bevor ich hier endgültig abschweife. Höhepunkt der Veranstaltung war der extrem unterhaltsame und zugleich sehr anregende Vortrag von Ben Hammersley (der im Schottenrock referierte und mich damit gleich auf mehreren Ebenen sehr glücklich machte), der die Renaissance 2.0 aus- und zur Revolution aufrief und alle Anwesenden mahnte, diese großartige Chance, zu mehr Meinungsfreiheit und zur Demokratisierung beizutragen, kurz, die Menschheit entscheidend voranzubringen, nicht zu versauen („don’t fuck it up“). Seine Thesen wird es in gut einem Jahr auch in Buchform geben („Octet: The Eight Big Ideas You Need to Understand in the 21st Century“), viel früher dürfte allerdings der Filmmitschnitt seines wirklich lebendigen Vortrags im Netz zu finden sein.

Ich war insgesamt sehr froh, daß auf der Konferenz nicht nur Business und Technik diskutiert wurde, sondern sich auch genug Menschen mit Interesse an kulturellen Analysen, Ethikdiskussionen und Gedankenspielen aufs Podium begaben. Und überhaupt, all diese tollen Menschen, mit denen ich in den letzten Tagen geredet habe. Schon allein dafür hat sich der Weg nach Paris mehr als gelohnt (und ich habe nur mit einem Bruchteil der fast 400 Teilnehmer aus 30 Ländern gesprochen). Danke!
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