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2005-12-13 - 21:30 - Shimon Peres in Wattenscheid

Die letzte Woche (Paris, Hamburg, Berlin ... Wattenscheid) war dann doch so anstrengend, daß ich übers Wochenende nicht viel mehr tun konnte, als komatös auf dem Sofa zu liegen und mir gelegentlich von meiner Mutter Kekse reichen zu lassen. Bewegt habe ich mich eigentlich nur, um lästige Kekskrümel aus meinem Dekollete zu angeln oder neue PussyProsaPreis-Beiträge zu lesen. Vielen, vielen Dank allen Teilnehmern für die ... ähm ... Sauereien. Die Jury wird sich jetzt in einen Darkroom zurückziehen und sich die Köpfe heißreden. Oder so ähnlich.

Vorher gibt’s aber noch was zu erzählen, denn Wattenscheid stand nicht allein wegen der hervorragenden, hüftpolsternden Kekse meiner Mutter auf dem Programm. Nein, am Freitag wurde hoher Besuch erwartet. Ausgerechnet Shimon Peres, Friedensnobelpreisträger, ehemaliger Ministerpräsident Israels, ehemaliger Premierminister, Finanzminister, Außenminister usw. verschlug es in die weltgeschichtlich wahnsinnig bedeutende Pottprovinz, und das wollte ich genauso wenig verpassen wie zuvor die Besuche von de Klerk oder Farah Diba-Pahlavi.

Nach Gesprächen mit der lokalen Politprominenz tauchte er am Nachmittag in einer Galerie auf, um eine Ausstellung von Otmar Alt zu besuchen. Leider denke ich vorher nie daran, daß solche Besuche ein massives Sicherheitsaufgebot mit sich bringen und immer mindestens zwei Menschen einen Blick in meine Handtasche werfen wollen. Die Handtasche ist also nie aufgeräumt, sondern, höflich ausgedrückt, ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk weiblicher Alltagskultur, das Anlaß zu heiteren Gesprächen mit Sicherheitsbeamten bietet.

Beamter: „Oh.“

Beamtin: „Laß mich mal. Frauensache ... Oh.“

Ich schweige beschämt.

Beamtin: „Können Sie das ... und ähm das auch ... also am besten ... alles mal ausräumen?“

Ich befördere meinen halben Hausstand ans Tageslicht und finde dabei Dinge, von denen ich nicht mal wußte, daß ich sie besitze.

Beamter, auf zusammengeknüllte schwarze Lederhandschuhe (nicht die guten von Roeckl natürlich) deutend: „Was ist das denn? Sieht irgendwie ... tot aus.“

Ich weise höflich darauf hin, daß es sich dabei strenggenommen auch um totes Tier handelt und bekomme das erlösende Sicherheitsbändchen verliehen.

Kurz darauf marschiert Shimon Peres in Begleitung von Otmar Alt durch die Ausstellung, nickt freundlich, lächelt fototauglich, schüttelt auf Wunsch der Fotografen minutenlang die Hand des Künstlers und beantwortet verschiedenen Lokalredakteuren gleich mehrfach die ungemein spannende Frage wie er Bochum ganz allgemein und die farbenfrohe Ausstellung im Besonderen findet. Peres erledigt alles sehr freundlich und routiniert und weist erst bei der vierten Wiederholung der Frage kurz darauf hin, daß er Nahost- und kein Kunstexperte ist. Ich weiß plötzlich wieder sehr genau, warum ich nicht Politiker werden wollte.

Ganz außen vor bleiben die große Politik und die wirklich spannenden Fragen zum Glück nicht, denn abends sammelt er Spenden für sein „Peres Center for Peace“ und hält einen Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion. Der Vortrag gerät allerdings recht kurz, weil die Dolmetscherin, die einen Meter neben ihm vor einem Mikro steht, völlig überfordert ist mit seinem harten Akzent und ihrer Nervosität. Also übersetzt sie jeweils nur ein Drittel und das meist grob falsch, so daß die deutsche Version seines Vortrags häufig das Gegenteil des englischen Originals besagt. Wie gut, daß wir in Wattenscheid und damit weit abseits der Weltbühne sind, als sie aus den Arabern ein Volk mit einem Terroristenanteil von über 90% macht. Das Publikum staunt und Peres ahnt, daß etwas nicht stimmt. Also spricht er den Rest des Vortrags ausschließlich ihr zugewandt, seeeehr langsam und wiederholt großväterlich-liebevoll ganze Passagen, um sie zu beruhigen.

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(Die Fotos wurden mir vom charmanten Christoph Kniel überlassen. Danke!)

Als schlagfertig, witzig, scharfzüngig und wirklich beeindruckend erweist Peres sich dann in der anschließenden Podiumsdiskussion. Steffen Seibert, den ich im letzten Jahr knapp 20 Minuten als Tischherrn genießen durfte, stellt die Fragen und übersetzt vorsichtshalber lieber selbst. Ich bin mir sicher, daß man bei der Geburtsurkunde von Schimon Peres einen Fehler gemacht haben muß, denn es ist schwer vorstellbar, daß er tatsächlich schon 82 Jahre alt sein soll. Die meisten Männer seines Alters sind bereits mit dem Hüten ihrer Enkel überfordert, aber Peres hat den Schwung eines Vierzigjährigen und legt mehr Leidenschaft an den Tag, als die meisten Zwanzigjährigen aufbringen könnten.

Und wesentlich mehr Flexibilität, wenn man bedenkt, daß er soeben die Arbeiterpartei verlassen hat, um mit Ariel Sharon und seiner Kadima an einer neuen Mitte zu arbeiten, die auch schwierige Kompromisse im Friedensprozeß trotz des Widerstands in Teilen der Bevölkerung mehrheitsfähig machen soll. Als Seibert ihn fragt, warum er ausgerechnet Sharon folgt, erwidert er ganz gelassen: „Nicht ich folge ihm, er folgt ideologisch betrachtet mir. ... Außerdem haben Sharon und ich den Vorteil, daß wir keine Kinder mehr sind, uns nichts mehr beweisen und nicht mehr um unsere Karrieren kämpfen müssen, sondern für eine Chance für unseren Nachwuchs streiten können. ... Es ist nicht wichtig, wer die Lorbeeren bekommt, sondern ob wir uns für eine Partei oder für die Menschen einsetzen. Allein die Menschen zählen.“

Überhaupt sagt er noch viele sehr staatsmännische Dinge im Laufe des Abends („ You’re always great when you serve a great cause and small when you serve yourself“ – „Try to contribute and not to complain“) und kommt immer wieder auf Moral und moralische Entscheidungen zu sprechen. Aber Peres nimmt auch Stellung zu aktuellen Fragen wie etwa dem umstrittenen Grenzzaun. Er sieht ihn als temporäre Maßnahme zur Verbesserung einer dramatischen Sicherheitssituation, der wieder abgebaut werden soll, sobald die Verhältnisse sich positiv verändert haben („hey, we have alot of experience in dismantling walls – remember Jericho?“). Und erläutert bei der Gelegenheit, daß es generell sinnvoller sei, die Lebensbedingungen in einem bestimmten Land zu verbessern, als eine Abwanderung der Bürger in ein anderes Land zu unterstützen.

Vom Publikum auf den möglichen Beitritt der Türkei zur EU angesprochen, zeigt er sich als vehementer Befürworter der türkischen EU-Mitgliedschaft und bekundet großen Respekt vor dem türkischen Ministerpräsidenten und den bereits erfolgten Veränderungen in der Türkei. Allein beim Thema Jerusalem bleibt er eine Antwort schuldig. Die Frage sei zu komplex für diesen Abend. Sehr glücklich macht er mich, als er die Frauenbewegung und zunehmende Gleichberechtigung der Frau zur größten Errungenschaft des 20. Jahrhunderts erklärt.

Auch wenn er unglaublich energiegeladen und mit viel Elan auftritt, wie alt Shimon Peres wirklich ist und wie lange er schon untrennbar mit der Politik in Israel verbunden ist, wird mir klar, als er seinen ersten Besuch in Deutschland und die damit verbundenen Gefühle schildert. Er war im Auftrag Ben Gurions unterwegs und hat den damaligen Kanzler Konrad Adenauer sonntags nachmittags zuhause zu einem Gespräch getroffen. Die Amtszeit Adenauers liegt für vergleichsweise jugendliche Menschen wie mich dann doch eine halbe Ewigkeit zurück, fast schon irgendwo im Dunkel der Geschichte. Trotzdem will Peres sich von Steffen Seibert nicht als „grand old man“ bezeichnen lassen: „Grand I admit, old not.“

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