Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2005-12-16 - 11:31 - Mit George Soros beim Feinmechaniker

Zahnarzttermine, bei denen man vorher informiert wird, doch bitte zwei Stunden Zeit mitzubringen, sind schlimm. Aber schlimm ist immer relativ und man kann das Grauen des dräuenden Dentalsadismus mildern, indem man unmittelbar vorher noch schlimmere Übel über sich ergehen läßt. Ein simpler Trick, den ich zu patentieren gedenke – und zwar in der Variante „Taxi fahren in Hamburg“. Der Taxifahrer gestern hatte zwar keine Männergruppenlyrik für mich, aber eine ganz eigene politische Überzeugung, Geheimpapiere aus dem Internet und dank Feierabendstau jede Menge Zeit, mich an beidem teilhaben zu lassen.

Etwa 400 Meter von meiner Haustür entfernt berichtet der NDR-Radiomann von der Empörung der Opposition angesichts des neuen Betätigungsfelds von Gerhard Schröder. Wir beobachten derweil das wechselnde Farbspiel der Ampel aus dem ruhenden Verkehr heraus. Ich halte mich mit Kommentaren wohlweislich zurück. Nützt aber nix. Der Ex-Kanzler opfert sich nämlich für eine gute Sache, wenn man meinem Taxifahrer mit dem Revoluzzerbärtchen glauben darf. Der Herr Putin hat demnach verstanden, daß man die Demokratie guten Gewissens der richtigen Sache opfern darf. Die richtige Sache ist in diesem Fall natürlich der Widerstand gegen die von kapitalistischen Geheimbünden unterwanderte und durch eine grinsende Marionette geführte USA.

Deshalb ist es auch gar nicht weiter tragisch, daß Herr Chodorkowski jetzt in einem sibirischen Straflager Steine klopft, weil der sowieso mit George Soros unter einer Decke steckte, der auf diesem Umweg erst die Macht und dann den Rubel an sich reißen wollte. Oder umgekehrt. Ist ganz egal, denn der Herr Soros ist so oder so ein ganz schlimmer (und ein Blog-Versager, jawoll, Anm. der Red.), der alljährlich 10 Trillionen (!) Dollar Drogen- und Mafiagelder in seinen Hätsch-Fongs auf irgendwelchen Karibikinseln, die früher mal Sklavenkolonien waren, blitzeblank wäscht. Das sagen zumindest die Geheimpapiere aus dem Internet, die so geheim sind, daß er mir nicht mal die URL oder den Weg dahin nennen kann (psssst, die Amis hören alles mit, a-lles).

Wir haben es mittlerweile immerhin bis zum Klosterstern geschafft, verpassen aber wegen des interessanten Vortrags, der von hektisch umherfliegender Spucke begleitet wird, die ich mir mehrfach unauffällig aus dem Haar wischen muß, den richtigen Ausgang aus dem Kreisverkehr. Ich hege inzwischen berechtigte Hoffnung, den Zahnarzttermin zu verpassen, aber nur noch geringe Hoffnung, das Auto im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte zu verlassen.

Im nächsten Stau schaffen wir irgendwie den Sprung von der Oligarchen-CIA-Connection über Diebstähle in Krankenhäusern zum internationalen Terrorismus. Und das geht ungefähr so: Weil ja sowieso jeder macht, was er will, das gilt vor allem für texanische Ölmillionäre und ihre russischen Busenfreunde, sagt mein Taxifahrer, denkt jeder nur noch an sich und seinen eigenen Vorteil. Und deshalb klaut man auch den bettlägerigen Patienten im Krankenhaus die Brieftasche, kaum daß sie unter dem Einfluß volksverdummender und natürlich völlig überflüssiger Medikamente weggedämmert sind (daß daran allein die mafiöse Pharmaindustrie schuld ist, die vermutlich auch ihr Blutgeld von George Soros waschen läßt, ist eine ganz andere Geschichte, für die auch die dritte Runde im Kreisverkehr nicht ausgereicht hätte). Und wenn die Menschen dann durch einen glücklichen Zufall der Dauermedikation entkommen, werden sie durch den kalten Entzug (oder womöglich durch Genexperimente, man weiß das nicht so genau) so wütend, daß sie sich Sprengstoffgürtel umschnallen und ein Zeichen setzen. Wofür genau, hab ich leider vergessen. Oder gar nicht mehr gehört.

Denn inzwischen sind wir angekommen und ich flüchte auf allen Vieren, mittlerweile nicht nur mental erheblich geschwächt, in die Zahnarztpraxis, die mir plötzlich in einem ganz anderen, viel wärmeren Licht erscheint. Ich bitte um eine möglichst große Dosis von dieser Mafiamedikation und wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie mir nicht auch bitte gleich die Erinnerung an die letzten 20 Minuten aus dem Hirn bohren?


(Die Behandlung ist dann tatsächlich nicht so schlimm wie erwartet, erst die Nachwehen wecken den Wunsch nach mütterlicher Fürsorge. Es ruckelt ganz gewaltig beim Bohren und als er mit der Miniaturausgabe einer handelsüblichen Ratsche den Metallstift in meinen Kiefer dreht, rrrratsch-rrrratsch, komme ich mir vor wie ein Ikea-Regal. Leider mache ich den Fehler, genau das auch anzumerken, als ich grad mal kein spitzes Gerät im Mund habe. Das findet der sonst sehr nette Profiheimwerker gar nicht komisch und weist säuerlich darauf hin, daß der Unterschied zwischen ihm und einem Handwerker in einer schier endlosen, entbehrungsreichen medizinischen Ausbildung besteht. Weil ich so ein höflicher Mensch bin und vielleicht auch weil der Arzt gerade wieder zum Skalpell greift, verzichte ich auf den freundlichen Hinweis, daß das einer relativ neuen Entwicklung geschuldet ist und früher Barbiere ... ach, ich glaube, es ist Zeit für meine Medikamente.)

24 Zwischenrufe | 7 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht