Es geht nichts über elektronische Post, zumindest wenn man sich in meinem Elternhaus aufhält. Traditionelle Briefpost fällt nämlich zuerst meiner Mutter in die Hände und erreicht dann oft nur auf recht abenteuerlichem Weg mal früher, mal später den eigentlichen Empfänger. Die Weiterverteilung erfolgt nach einem geheimen System, das jeder logischen Grundlage entbehrt und sich daher auch dem Verständnis der restlichen Familienmitglieder entzieht. Man kann sich nur damit arrangieren – oder eben ausziehen.
Es bleibt daher auch das Geheimnis meiner Mutter, warum sie in diesem Jahr schon im Oktober damit begonnen hat, Pakete als Weihnachtsgeschenke zu deklarieren und heimlich aus dem Verkehr zu ziehen, um die Adressaten dann Heiligabend damit zu überraschen. Erfüllt von ihrer Weihnachtsfrauen-Mission hat sie leider komplett ignoriert, daß mein Vater Anfang Oktober nervös auf das Eintreffen wichtiger Unterlagen zur Vorbereitung einer großen Tagung wartete.
Mein Vater ist gründlich, sehr gründlich, manche würden sogar pedantisch sagen, und er haßt nichts so sehr wie mangelnde Vorbereitung und Unpünktlichkeit (von meinen sexlastigen Blogeinträgen mal abgesehen, die sind ihm womöglich ein noch größeres Grauen). „Die wichtigen Unterlagen sind längst auf dem Weg“, sagte man ihm. „Hier ist nichts angekommen“, sagte meine Mutter. Und verschwendete keinen weiteren Gedanken an das schwere Paket, das sie für eine Kiste mit Wein gehalten und als verfrühtes Weihnachtsgeschenk in einer dunklen Ecke versteckt hatte.
Also fuhr mein Vater zum vermutlich ersten Mal in seinem Leben nur mäßig vorbereitet zu einem Termin, und rund zwei Monate später holte meine Mutter die vermeintliche Weinkiste aus ihrem Versteck und schob sie unter den Weihnachtsbaum. Ich kann mich nicht erinnern, je ein so fassungsloses Gesicht beim Auspacken von Geschenken gesehen zu haben. Und ich kann so überhaupt gar nicht verstehen, warum manche Menschen Weihnachten mit den Eltern für eine langweilige Veranstaltung halten.
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