Weil ich wieder mal tagelang ohne Netz und ohne Schlaf in Berlin unterwegs war, heute eine wirre Aneinanderreihung völlig unzusammenhängender Eindrücke der letzten Tage:
Berlin ist kalt, überall. Draußen ist es kalt und die Wohnung, in der ich übernachte, ist wegen längerer Abwesenheit der Bewohner auch kalt. So ausgekühlt, daß sie sich bislang weigert wieder richtig warm zu werden, was dazu führt, daß ich sämtliche mitgebrachte Pullover übereinander trage, während der Hund unter der Bettdecke zittert. Gegen so viel Kälte hilft am besten reichlich Bewegung, dachte ich mir, und fuhr direkt in den Grunewald.
Dort war es nicht nur noch kälter, nein, es gab auch eine geschlossene Eisdecke. Leider nicht auf dem See, was man als romantischen special effect hätte verbuchen können, sondern ausgerechnet auf den Wegen um den See herum. Das erklärte auch die fast vollständige Abwesenheit von Mensch und Tier. Die wenigen Hunde, auf die wir trafen, rutschten kreiselnd durch die Gegend, weil jedes Bein in eine andere Richtung strebte, während sich ihre Herrchen verkrampft von Baum zu Baum hangelten.
An einem Baum stand auch der Mann, der etwa 50 Meter rechts von mir wild winkte und sich dabei überschwenglich für die öffentliche Verrichtung eines wohl sehr dringenden Bedürfnisses entschuldigte. Ohne sein lautes Rufen wäre er mir gar nicht aufgefallen, weil ich selbst viel zu beschäftigt damit war, auf den Beinen zu bleiben. Unglaublich, im geradezu legendär unhöflichen Berlin entschuldigt sich jemand fürs öffentliche Pinkeln in größerer Entfernung, während der vermeintlich vornehme Hanseat überhaupt gar kein Problem damit hat, sich im Sommer direkt neben einer größeren Grillrunde zu erleichtern und dabei allenfalls einen Gruß grunzen wird.
Der höfliche Berliner heute hat es aber prompt übertrieben mit den großen Gesten. Aus dem Winken wurde ein Wanken, dann verlor er komplett den Halt auf dem vereisten Weg und fiel der Länge nach rückwärts hin. Der Kopf muß dabei sehr unsanft aufgekommen sein, denn der Mann bewegte sich erst mal nicht mehr. Der Hund war schneller dort als ich und leistete geschickt erste Hilfe, indem er alle nicht verpackten Körperteile beschnüffelte und ableckte. Unmöglich zu sagen, was den Mann aus der Betäubung aufschrecken lassen hat, das Lecken im Gesicht oder das an seinem, sich ohnehin auf dem kältebedingten Rückzug befindlichen Gemächt.
Nachtrag zu sehr später Stunde, damit ich nicht wieder vergesse, was ich heute gelernt habe: Ausländische Mitbürger schätzen es nicht, wenn man sie mittels Lichtzeichen (na gut, ein klitzekleines bißchen gehupt habe ich auch, ganz evtl. zumindest) darauf hinweist, daß ihr superschickes, extrem tiefergelegtes Auto mitten auf der Straße steht anstatt zu fahren, weshalb auch sonst niemand fahren kann, vor allem man selbst nicht. Aus unerfindlichen Gründen verstehen sie „hast du vergessen wo das Gaspedal ist“ nicht als freundliches Hilfsangebot, sondern als unbotmäßige Kritik an ihrer Person und reagieren entsprechend. Ich fürchte, man sollte mich nicht euphorisiert Auto fahren lassen, nachdem ich den Abend in sehr angenehmer (Blogger-)Runde verbracht habe. Ich habe dann gewisse Anpassungsprobleme an das niedrige Alltagshumorniveau meiner Mitbürger.
Ein weiterer Nachtrag, ungefähr 24 Stunden später, immer noch netzlos und mit kalten Füßen: Die Neujahrslesung in Berlin hat verdammt viel Spaß gemacht. Ein großes Dankeschön an die charmanten Organisatorinnen, die großartigen Mitleser und das tolle Publikum (in einer perfekten Welt würde ich kalte Wintersonntage ausschließlich im Bett verbringen und Mek Wito und Parka Lewis, der Kaltmamsell und Frau Schwadroneuse beim Geschichten erzählen zuhören – wenn man Letztere lachen sieht, tritt die Winterdepression sowieso beleidigt den Rückzug an).
Ich habe meinen Lesungstext mit einem kurzen Eingeständnis meiner kompletten räumlichen Orientierungslosigkeit begonnen und die Pause genutzt, um das anschaulich unter Beweis zu stellen. Mein Auto stand etwa 30 Meter vom Café entfernt, und ich wollte nur ganz kurz etwas daraus holen. Zu diesem Zweck mußte ich bei etwa -10 Grad erst eine Runde rechts herum um den Block und dann eine Runde links um den Block laufen, bis ich es beim allerletzten Versuch durch Zufall fand (es war das dreckigste und als solches selbst im Prenzlauer Berg leicht zu erkennen).
Letzter Nachtrag, dann verschwinde ich wieder im warmen Bett: Frau Gaga hat ganz wundervolle Fotos während der Lesung gemacht (den kompletten Satz gibt es hier), bei denen nicht mal ich Grund habe zu jammern. Vielen Dank!


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