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Blogtalk Reloaded

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2006-01-15 - 23:59 - Leistungspflögen in Lausanne

Es fühlt sich sonderbar an, wenn jemand, mit dem man mal sehr viel Zeit verbracht hat, zu dem man aber seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, plötzlich in diesem Blog landet, etliche Stunden hier verbringt mit der Suche nach Hinweisen auf die gemeinsam verbrachte Zeit, dann aber nicht mal einen klitzekleinen Kommentar hinterläßt oder eine Mail schreibt. Es ist natürlich höchst widersprüchlich, erst jahrelang alle möglichen und unmöglichen Details seines Lebens ins Netz zu blasen und dann zu jammern, wenn jemand Google benutzen kann und sich quer durchs kleine Leben liest (vor allem, wenn man selbst gerne alles und jeden googlet). Aber der Versuch einer widerspruchsfreien Existenz mußte aus verschiedenen Gründen eh auf die Zeit nach der Rente vertagt werden.

Also sitze ich hier zusammen mit dem Hund und meiner Melancholie auf dem Sofa und werde von Erinnerungen an eine Zeit heimgesucht, die an Grauen hoffentlich nicht mehr überboten wird – was nichts mit dem Blogdurchsucher, aber viel mit selbstverschuldetem Elend zu tun hatte. Ich frage mich, ob er erleichtert ist, daß ich nicht über ihn geschrieben habe. Oder ob er gern an die schönen Seiten erinnert worden wäre, die frühmorgendlichen Ausflüge auf den Flohmarkt, die schwarzen Kuhflecken an unserer Küchenwand oder das große Grittibänz-Backen (die Schweizer Variante eines Stutenkerls) mit etwa sechs Kilo Hefeteig. Und warum er nicht einfach eine kurze Mail geschrieben hat. Und wie ich mich im umgekehrten Fall verhalten würde. Ach Stefan, sag doch mal was.

Blogger.jpg

Mindestens ebenso sonderbar fühlt es sich an, mit einem „Blogger“-Schild am Revers auf einer Veranstaltung herumzulaufen. Einen Moment lang konnte ich meine Eltern verstehen, die das hier alles zwar ganz unterhaltsam, aber immer noch irgendwie dubios finden und regelmäßig zu stottern beginnen, wenn sie dieses Blogdings ihren Freunden erklären sollen. Vor allem dann, wenn es sich um eine ganz alte Landjugendfreundin meiner Mutter handelt, deren Tochter keine PussyProsaPreise veranstaltet, sondern den elterlichen Betrieb übernommen und ganz nebenbei noch einen Titel im Leistungspflügen gewonnen hat. Leistungspflügen, das ist etwas Handfestes, darunter kann sich – zumindest außerhalb des großstädtischen Speckgürtels – jeder etwas vorstellen. Aber vermutlich ist Bloggen schon in fünf Jahren ähnlich handfest, dank eines IHK zertifizierten Ausbildungsgangs „Blogger“ mit den Fachrichtungen Businessblogger, Techblogger, Literaturblogger und Antvillekryptoblogger.


Am allersonderbarsten und ziemlich traurig ist die Tatsache, daß Kurt Müller, der exzentrische Eiskunstlaufmeister und Lieblingshutverkäufer, schon seit Silvester vermißt wird. Ich hoffe sehr, daß er tatsächlich nur nach Portugal geflogen ist und ihm dort demnächst wieder einfällt, daß er einen Hutladen und sehnsüchtig wartende Kundschaft in Bochum hat.

Update: Maxx war wieder mal viel besser informiert. Offensichtlich hat Herr Müller nur Urlaub auf Sylt gemacht, die Suizidnachricht war vermutlich eine reine Schreibübung und die ganze Aufregung ist ihm schleierhaft. Seinen Laden will er leider trotzdem schließen.

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