Das Timing war perfekt. Sonntag hockte ich unglücklich in eine Decke gekuschelt mit dem Hund auf dem Sofa und Montag gab’s in Hamburg Depeche Mode live. Die ideale musikalische Melancholie-Ergänzung (wenn auch sicher nicht die einzige). Ich hatte ja zwischenzeitlich schon Sorgen, ich sei zu alt für Depeche Mode geworden, für all die Dramatik, die Tragik, das Tänzeln am seelischen Abgrund und das gezielte Ins-Schwarze-Starren. Nicht zu alt für den seelischen K.O., aber zu vernünftig, um im eigenen Herzblut zu baden und darauf zu hoffen, man könnte eines Tages Siegfried gleich unverwundbar daraus hervorgehen (mein Lindenblatt ist kein Blatt, sondern ein ganzer Wald).
Genauso wie man irgendwann zu alt ist, um sich bei schwerer emotionaler Angeschlagenheit in ein abgedunkeltes Zimmer zurückzuziehen und den Schmerz in Form hübscher kleiner Muster mit einer Rasierklinge auf dem Unterarm zu verewigen. So etwas ist mit Anfang 20 eindrucksvoll, spätestens mit 30 wirkt es unangemessen pathetisch. Statt dessen sitzt man eben auf dem Sofa, trinkt Vodka Tee und bloggt. Und statt bei Depeche Mode landet man immer häufiger bei Nick Cave.
Aber nein, für Depeche Mode ist man nie zu alt. Erst recht nicht live. Es reicht als Zugeständnis ans unvermeidliche Erwachsenwerden, wenn man die Rasierklingen wegwirft und Schwarz nicht mehr als Ausdruck tiefer innerer Zerissenheit, sondern als Fashion Statement trägt (und natürlich weil es schlank und schön macht). Bei den Konzertbesuchern herrschte selbstverständlich Schwarz vor, egal ob am Körper oder künstlich auf den Kopf gezaubert. Viele Frauen in schwarzen Flatterkleidchen, die scheinbar achtlos die Schulter herunterrutschten, dazu lange schwarze Haare und schweres Schuhwerk. Ein Teil des Reizes von Konzerten liegt sowieso im Beobachten der anderen Besucher. Erst recht, wenn man einen breitgefächerten Musikgeschmack hat (nur R&B und Kirmestechno kommt mir unter keinen Umständen ins Haus) und dabei so ziemlich jedem Typus begegnet, vom Kapuzenpulli tragenden Kopfnicker bis zum langhaarigen Headbanger mit Bandshirt stramm überm üppigen Bauch.
Und dann auf zur Dämonenaustreibung. „A pain that I’m used to“ war eine grandiose Eröffnung, bei “Damaged People” hab ich ein paar Tränen verdrückt, mich bei „Walking in my shoes“ heiser gesungen – oder das getan, was bei mir grad noch so als Singen durchgeht - und ansonsten mit der Masse getanzt und gebrüllt. „How sweet life would be / if I could be free / from the sinner in me.” Sehr reinigend. (Und dank der Stiefel mit Stahlkappen ging es meinen Füßen hinterher auch wesentlich besser als nach dem Fettes Brot Konzert kurz vor Weihnachten.)
Gestern abend dann, während der letzten Hunderunde durch frisch eingeschneite und menschenleere Straßen, kommt mir ein älterer, graumelierter Mann entgegen, der aussieht, als käme er jetzt erst aus dem Büro. Er trägt einen schwere Aktentasche und einen teuren Wintermantel und geht sehr vorsichtig, fast prüfend über die extrem glatte Straße. Dann verstaut er die Aktentasche in einer großen Limousine, blickt sich verstohlen um und schlittert schließlich wie ein Kind die Straße auf und ab. Nach ein paar Minuten reckt er die Hände in die kalte Winternacht und brüllt „Yeeee-haaaa“. Recht hat er.
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