Im Sommer 1999 war mein Vater, eigentlich kein ausgewiesener Freund klassischer Musik, sondern eher stiller Dulder, zum ersten Mal bei den Opernfestspielen in Verona. Er war restlos begeistert, auch wenn vermutet werden darf, daß sich die Begeisterung mehr auf das Drumherum, also hauptsächlich auf das antike Amphitheater und reichlich gutes Essen bezog, als auf die musikalische Präsentation. Die Begeisterung hielt an und so schleppte er im darauffolgenden Sommer gleich die ganze Familie nach Verona.
Im kühlen Hamburg hatte ich schon Wochen vor Reisebeginn von milden italienischen Sommerabenden geträumt mit Freiluftoper und anschließendem Mitternachtssnack in einem kleinen Restaurant irgendwo in der Altstadt. Genau davon hatte mein Vater schließlich das ganze Jahr über geschwärmt. Mein Koffer enthielt also nur leichte Sommerkleidung, elegante Kleider für die Oper, T-Shirts, Röcke, Sandalen für den Altstadtbummel und eine dünne Strickjacke für den Fall der Fälle. Ich hatte bestimmt nicht davon geträumt, die Strickjacke vier Tage lang nicht abzulegen.
Aber als wir in Verona ankamen, legte der Sommer eine kalendarisch äußerst unpassende Pause ein. Die Tageshöchsttemperatur betrug etwa 17 Grad und es nieselte leicht. Unter diesen Bedingungen ist Verona kein romantisches Städtchen, sondern ein von Touristen überlaufenes, versifftes Kaff, dessen Einwohner eine abstruse Preispolitik verfolgen. Und Freiluftarien sind so ziemlich das letzte, wonach dem unterkühlten Urlauber der Sinn steht. Wobei der Vollständigkeit halber angefügt sei, daß mir ohnehin der Sinn fürs Reisen vorübergehend abhanden gekommen war. Ich war knapp eine Woche zuvor von meinem Freund verlassen worden und der Mann, der mich darüber hinwegtrösten sollte, amüsierte sich während meiner Abwesenheit mit einer anderen Frau an der ungerechterweise äußerst sonnigen Ostsee.
Da wir aber nun mal wegen der Musik in Verona waren und mein Liebeskummereinwand von der Familie eiskalt ignoriert wurde, wollten wir wenigstens angemessen gerüstet sein für Aida bei arktischer Kälte. Also auf zum Shopping, was ja angeblich sehr hilfreich sein soll bei Frauenleiden. Leider hat die Figur einer durchschnittlichen Italienerin ungefähr so viel mit meiner zu tun wie die Statur eines Vollblutpferdes mit der eines Kaltbluts. Die zierlichen Verkäuferinnen, alle mindestens einen Kopf kleiner als ich, betrachteten mich schon beim Betreten des Ladens kritisch und schüttelten mitleidig den Kopf, wenn meine Schultern bei der Anprobe die Pullover zu sprengen drohten, während meine Arme wie überlange Stöcke aus den kurzen Ärmeln ragten. Italien als Shopping-Paradies? Nicht für mich. Meine Mutter, dank kürzerer Arme längst passend ausgestattet, schleifte mich schließlich auf einen Markt und kaufte mir eine Art kratzig-wolligen Überwurf, der nicht nur so aussah wie eine Pferdedecke, sondern auch so roch.
In diese Pferdedecke gehüllt und zusätzlich mit einer Plastikplane bedeckt saß ich dann abends in der Arena und sah zu, wie das Champagnerglas dank des Regens immer voller statt leerer wurde. Eine halbe Stunde nach planmäßigem Beginn hörte es endlich auf zu regnen, und die Musiker trotteten in den Orchestergraben. Nach 20 Minuten, während derer ich mehrfach ermahnt wurde, nicht ganz so laut mit den Zähnen zu klappern, setzte der Regen wieder ein und die Musiker brachten sich und ihre teuren Instrumente umgehend in Sicherheit. Das Rein-Raus-Spektakel wiederholte sich im Laufe der nächsten drei Stunden noch häufiger und schließlich wurde die Aufführung abgebrochen. Allerdings hatte man so gerade eben lange genug gespielt, um das Eintrittsgeld einbehalten zu dürfen. Am nächsten Abend war es noch kälter, aber nicht mehr ganz so naß, so daß die Oper mit nur drei Unterbrechungen bis zum bitteren Ende gespielt werden konnte und wir anschließend mit blauen Lippen an Kakao statt an Wein nippten.
Unser letzter Tag in Verona war ein Samstag und zugleich der erste Sonnentag. Jeder, der sich irgendwie auf den Beinen halten konnte, bummelte durch die Altstadt und bescherte der örtlichen Gewerkschaft der Produktfälscher und Taschendiebe einen Feiertag. Wir standen grad unter Julias Balkon und stritten uns über den genauen Wortlaut ihres Dialogs mit Romeo, als meine Mutter plötzlich einem kleinen Mann auf die Finger schlug und der kleine Mann ziemlich fix in der Menge verschwand. Geld und Papiere waren noch da, aber der Autoschlüssel war mit dem flinken Finger verschwunden. Das war nicht weiter schlimm, weil das Auto in einer Tiefgarage stand und der Dieb es wohl kaum ohne weitere Hinweise finden würde. Aber es war ärgerlich, weil der Ersatzschlüssel natürlich in einer Kramkiste in Bochum lag und sich leider kein Kurier dazu aufraffen konnte, den Schlüssel jetzt sofort nach Verona zu transportieren. Auch vor Ort fühlte sich am Wochenende niemand zuständig. Italien ist erzkatholisch, da ist der Sonntag noch heilig, selbst wenn man nicht in die Kirche geht. Basta.
Die Eltern verlängerten also unfreiwillig ihren Urlaub, während ich am Sonntag morgen wegen drängender Termine in den Zug stieg und heilfroh war, daß ein Ende dieses Unglücksurlaubs in Sicht schien. Kurze Zeit später fand ich mich in die Pferdedecke gehüllt mit meinem Koffer und meinen Mitreisenden zwischen Felsen im Regen wieder. Das Ende des Urlaubs winkte mir gehässig irgendwo in weiter Ferne zu. Ein wachsamer Zugbegleiter hatte in einem Abteil ein herrenloses Gepäckstück entdeckt, daß sonderbare Geräusche von sich gab. Er informierte sämtliche Behörden, die ordneten das Aussetzen der Fahrgäste an, vergaßen aber leider rechtzeitig für Transportersatz zu sorgen, und inspizierten dann in einem speziell gesicherten (und bestimmt anständig beheizten) Raum den alleinreisenden Koffer nebst Elektrorasiererinhalt, während wir frierend im Regen den Umsturz und die Abschaffung aller Sicherheitsbehörden planten.
Die nächsten zehn Tage verbrachte ich ohne Männer und Musik, aber mit einer schweren Erkältung und in eine Pferdedecke gehüllt im Bett.
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