Ich schreibe grad einen heiteren Artikel über die Tücken der Aufklärung und wollte zu diesem Zweck das Angebot an einschlägiger Literatur sichten. In der Buchhandlung empfängt mich ein ganzer Regalmeter mit Lektüre für so ziemlich jede Altersklasse. Die Bücher für Pubertierende zeigen das Erwartete, pädagogisch wertvoll aufbereitet und auf jeder Seite mit dem Hinweis versehen, daß man nichts muß, aber vieles darf und sowieso immer und jederzeit Nein sagen kann.
Zum Augenbrauenhochziehen und Ausdemstaunennichtmehrrauskommen sind eher die Aufklärungsbücher für Fünfjährige. Es gibt kein Buch, in dem nicht schon Pille und Kondom erwähnt werden und mein Favorit hat eine hübsche Zeichnung, in der Mama Lena Papa Lars liebevoll ein Kondom überstreift. Müssen Fünfjährige so etwas heute wirklich wissen? Und verstehen sie das tatsächlich schon? Das gilt auch für die pädagogisch arg bemühte Erläuterung „Pauls Mutter entbindet in einer Klinik mit modernen Gebärstühlen“ unter dem Bild von Pauls Mama in einer Art Schaukel. Aber vielleicht sind die unbelasteten Hirne von Fünfjährigen einfach härter im Nehmen als mein gebärunwilliges.
Nicht weniger verblüffend die Hinweise auf künstliche Befruchtung und Retortenbabys. Hier punktet vor allem der Text: „Im Krankenhaus werden Papas müde Samen aufgemuntert und Mamas schlecht gelauntes Ei wieder froh gemacht. Oder der Arzt mixt Samen und Ei in einem Reagenzglas zusammen, bevor er sie in Mamas Bauch einsetzt.“ Und wenn Mama grad nicht hinguckt, gibt er noch ein bißchen Salz, Pfeffer, Muskatnuß und Worcestersauce hinzu, stellt das Reagenzglas ein paar Minuten ins Wasserbad und macht dann eine Frühstückspause.
Als ich bei einem aufwendig gestalteten Buch mit dicken Pappseiten angekommen bin, läßt sich ein Mitglied der Zielgruppe neben mir auf der kleinen Bank nieder und guckt neugierig. Ich bin mir nicht sicher, ob diese spezielle Art der Lektüre schon auf dem elterlichen Plan steht, aber leider ist weit und breit kein Erziehungsberechtigter zu sehen, den ich fragen könnte. Also frage ich ihn der Form halber, ob er nicht lieber die Rutsche benutzen oder sich selbst ein Buch suchen möchte, aber er schüttelt nur den Kopf. Zum Glück habe ich das bislang unverfänglichste Buch in der Hand.
Wir betrachten einträchtig ein fast nacktes Paar, das nur Unterwäsche trägt, die man aber wegklappen kann. Die Zielgruppe erkennt das sofort und klappt resolut die Unterbux von Papa weg. „Ein Pipimann. Ich hab auch einen. Willst Du mal sehen?“ Ähm, nein, lieber nicht. Ich will auch nicht über meine Mumu diskutieren.
Wir blättern lieber weiter zu den Bildern mit Mamas dickem Bauch, den man natürlich auch aufklappen kann. Mamas Innenleben sorgt aber nur für verächtliches Kopfschütteln. „Das kenn ich schon. Es dauert eeeewig, dann kommt nur eins raus und wenn man Pech hat, ist es so häßlich wie die kleine Schwester von Max. Die sieht so erbsig aus wie nach zuviel baden. Die Katze von Oma Margret hat fünf Kinder gekriegt und wir durften uns das schönste aussuchen. So sollte das auch beim Menschen sein.“ Pauls Mutter, die im Gebärstuhl, wäre vielleicht nicht ganz so froh, aber unsere Rentenexperten könnten endlich mal wieder ganz ohne chemische Hilfsmittel durchschlafen.
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