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2006-02-13 - 01:48 - Mit Schorsch um die Welt und mit Lucki in die Loipe

Man hält es ja nicht für möglich, aber man kann tatsächlich auch mal ein paar Tage ganz ohne Internet leben. Zumindest mit ausreichend Ablenkung. Die Arbeit hatte mich nach Garmisch-Partenkirchen verschlagen und das dringende Bedürfnis nach einem Kurzurlaub hatte mich dort gehalten. Der Arbeits-Teil gestaltete sich unnötig aufregend, was nicht etwa an meinem sehr freundlichen Auftraggeber, sondern an meinem sehr unfreundlichen Kreislauf lag, der sich ausgerechnet während meines eigenen Vortrags etwas zu früh in den Urlaub verabschiedete. Ich hatte plötzlich einen kuriosen Tunnelblick, Rauschen in den Ohren, Watte im Kopf und in den Beinen und reichlich kalten Schweiß am ganzen Körper. Der innere Autopilot sorgte für den ordnungsgemäßen Fortgang des Vortrags, während ein Teil des Hirns in einer Schleife fest hing: „Fall jetzt bloß nicht um. Hallo! Nicht umfallen!“ Auf eine Wiederholung dieser Tortur wird dankend verzichtet.

Das Dorint Hotel, in dem wir untergebracht waren, trägt den Namenszusatz Sport-Hotel nicht zu unrecht. Allerdings weniger wegen des sicherlich üppigen Angebots an Fitneß-Kursen und sonstigen Sportmöglichkeiten, sondern vielmehr wegen der etlichen Kilometer, die man dort unfreiwillig im Laufe des Tages zurücklegt. „Erinnert mit seinen Chalets im alpenländischen Stil an ein gemütliches Bergdorf“ und „absolut ruhige Lage in einem weitläufigen Park“ bedeutet schlicht, daß man im Zweifel 800 Meter vom Zimmer bis zur Rezeption (oder zum Frühstück bzw. zur Sauna) zu gehen hat. One way.

Entschädigt wird man durch das fantastische Alpenpanorama. Man blickt mit etwas Glück direkt vom Bett aus auf die Berge, auf jeden Fall aber durch die großen Panoramafenster vom Pool aus ebenso wie durch das kleine Fenster der finnischen Sauna. Ganz besonders zu empfehlen ist ein nachmittäglicher Besuch im Whirlpool. Wenn man die große Schiebetür zum Abkühlungsbereich öffnet, kann man im warmen Sprudelwasser liegen, auf schneebedeckte Berggipfel gucken und sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen. Das allein hätte schon als Urlaubsprogramm ausgereicht.

Weil man aber bekanntlich erbst, wenn man zu lange im Wasser liegt, ging es am nächsten Abend zur Abwechslung mit der ältesten Kleinkabinenbahn der Welt, einer wirklich sehr kleinen und sehr alten Gondel, die sich schon beim ersten Gast unter Ächzen bedenklich absenkt, ziemlich weit hinauf. Dort stiefelten wir mit Fackeln ausgestattet durch dicken Neuschnee am großen Forsthaus vorbei zu einer wesentlich kleineren Hütte, in der dafür große Mengen ortsüblicher Speisen, ein Kamin und der Schorsch und der Siggi auf uns warteten.

Der Schorsch und der Siggi hatten gute Laune, kräftige Stimmen sowie Schifferklavier und Gitarre zur Hand und priesen jodelnd die Vorzüge des Loisachtals, wanderten dann musikalisch nach Tirol und landeten auf Umwegen und mit reichlich Zeit und Bier irgendwann sogar auf der Reeperbahn. Allein den Ruhrpott ließen sie aus, was einer der anwesenden Ruhrpöttler nicht auf sich sitzen lassen wollte. Zu fortgeschrittener Stunde entführte er daher dem Siggi seine Gitarre und gab zum Erstaunen aller Anwesenden eine hervorragende Interpretation von Grönemeyers „Currywurst“ zum Besten.

Auf die Currywurst sollte eigentlich die Nachspeise folgen, doch die Küche ließ verlauten, man möge gefälligst selbst mit Hand anlegen. Also wurde ein kleiner Trupp tapferer Freiwilliger in die Geheimnisse der Kaiserschmarrn-Zubereitung eingewiesen (definitiv nichts für cholesterinbewußte Eiphobiker) und regelmäßig von einer bekittelten Vorzeigegroßmutter, die den Vorgang genau überwachte, mit harschen Worten bedacht. „Das muß aber schon noch schneller gehen und man kann das auch geschickter machen“ (könnte mir das mal bitte jemand mundartlich korrekt ausdrücken?). Ich fühlte mich gleich wie zuhause.

Weil ich mich bislang nicht als sonderlich talentierte Abfahrtsläuferin erwiesen hatte und sehr an meinen heilen Gliedmaßen hänge, aber unbedingt raus in den Schnee wollte, stand gleich am nächsten Morgen eine Doppelstunde „Langlauf für absolute Anfänger“ auf dem Urlaubsprogramm. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich dank Trainer Luckis komischen Ein-Ski-Keine-Arme-Vorübungen halbwegs wohlfühlt auf den schmalen Brettern und von der 100m-Idiotenloipe auf die 3,5 km lange Hausstrecke wechseln darf. Und es ist noch viel erstaunlicher, wie unfaßbar anstrengend Langlaufen ist. Das sollte im Fernsehen unbedingt mal Erwähnung finden, damit Biathlon-Gucker wie ich nicht in die Irre geführt werden und sich auf so irrsinnige Urlaubsaktivitäten einlassen.

Man wird beim Langlaufen regelmäßig von munteren Senioren überholt, deren Gesichtsfarbe und –ausdruck so gar nichts mit der eigenen Rotrübigkeit zu tun hat. Aber, Kieser sei Dank, immerhin hatte ich auch nach dem zweiten Tag kaum Beschwerden in den Beinen. Nur meine Arme fühlten sich schon nach etwa fünf Kilometern so an, als würden sie einfach abfallen wollen, sobald ich die Stöcke aus der Hand lege. Und nach zehn Kilometern wäre ich aller Eitelkeit zum Trotz sehr dankbar für einen Krankentransport gewesen. Der ebenso rotgesichtige Leichtmatrose wurde mehrfach dabei beobachtet, wie er den Kopf zur Erfrischung in eine Schneewehe steckte.

Zur Belohnung gab es abends große Fleisch- und Knödelberge im Gasthof „Zum Rassen“, der nicht nur das beste Essen, sondern auch die hübschesten Kellnerinnen hatte. Außerdem war er in ungefähr 15 Minuten zu Fuß vom Hotel aus zu erreichen, was nach einem Tag im Schnee so ungefähr der maximalen Laufreichweite entsprach. Dieser tägliche Spaziergang wäre allerdings auch ohne Gasthof als Ziel jeden Schritt wert gewesen. Das Dorint liegt etwas erhöht am Stadtrand, und nach Partenkirchen führt ein schmaler, verschneiter Waldweg. Es ist absolut still und die Stadt mit ihren vielen erleuchteten Fenstern liegt einem friedlich zu Füßen. Spätestens beim Anblick der gezuckerten Tannen fühlt man sich wie der Betrachter einer Landschaft, die ein Miniatureisenbahnfanatiker mit viel Liebe zum Detail gestaltet hat.

Gestern nacht ließ der Vollmond den Neuschnee glitzern und am gegenüberliegenden Berghang tauchten immer wieder Skiläufer auf, die man nur dank ihrer hell lodernden Fackeln erkennen konnte. Ich wäre gerne noch geblieben.

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Ziemlich kalt war's außerdem.
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