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2006-02-16 - 20:14 - Bullshit from Germany

Eine Ankündigung vorab: Die neue Ausgabe von „mindestens haltbar“ ist im Netz. Mit Bildern von Frau Godany und wie immer reichlich Text von großartigen Bloggern. Und jetzt zurücklehnen bitte, Frau Lyssa erzählt aus ihrer Jugend.

Als ich mit 16 für ein Jahr in die USA ging, plagte mich schon Wochen im Voraus die Sorge, mein Schulenglisch könnte den Anforderungen vor Ort nicht gewachsen sein. Ich hatte etwa fünf Minuten amerikanischen Boden unter den Füßen, als aus der Sorge traurige Gewißheit wurde. Hätte ich nicht bereits Fotos von meiner Gastfamilie gehabt, ich hätte mir nie sicher sein können, daß ich hinter den richtigen Menschen herdackel.

Während der ersten Tage und Wochen bestand mein Beitrag zu einer Konversation meist aus „Pardon?“ und „Kutt you repeat dät please?“ und sehr viel freundlichem, aber komplett ahnungslosem Lächeln. Die Standardkonversation mit mir unbekannten Menschen lief ungefähr folgendermaßen ab: Sie sagten irgend etwas in diesem unglaublich gedehnten Midwestern Standard und ich sagte „Pardon?“. Sie sagten wieder etwas Unverständliches und ich sagte „Kutt you repeat dät please?“ Dann fragten sie „Do you find it difficult to understand what we’re saying?“ und ich antwortete sehr freundlich „Pardon?“ Dann sagten sie meist nur noch „Aha“, tätschelten meine Hand und suchten schleunigst das Weite.

Ich verbrachte die ersten vier Tage mit Behördengängen und Anmeldekram, bzw. damit leicht verzweifelt hinter meiner Gastmutter herzutrotten, die all das für mich erledigen mußte. Dann begann die Schule. Ich wurde auf eigenen Wunsch der Abschlußklasse zugeteilt, denn wenn man schon nichts versteht, kann man das wenigstens auf hohem Niveau tun. An der kleinen, christlichen Privatschule, auf die meine Gastfamilie mich schickte, war ich die erste und einzige Austauschschülerin und wurde bestaunt wie eine Kuh mit zwei Köpfen.

Die erste Unterrichtsstunde war Englisch bei Mr. Wind. Ich wurde ihm zusammen mit einem Zettel, auf dem „Katharina Borchert“ stand, von der Schulsekretärin überreicht und dann meinem Schicksal überlassen. Mr. Wind kündigte die erste Austauschschülerin an, tata, ich lächelte, er blickte auf den Zettel, stutzte kurz, ich lächelte trotz sich verkrampfender Gesichtsmuskulatur weiter, Mr. Wind guckte bald ebenso verkrampft und würgte dann hervor: „Please welcome Katherine B ... Bo ... Boutchat from Germany.“ Wildes Getuschel folgte. Dann durfte ich mich setzen und Kringel auf einen Zettel malen, während alle anderen konzentriert Aufgaben erledigten, die ich leider nicht verstand.

In der Mittagspause schwoll das Getuschel zu einem lauten Rauschen an, bis sich schließlich eine Gruppe adrett geschminkter Mädchen mit extrem hochtoupierten Haaren vor mir aufbaute. Die Wortführerin musterte mich kurz und fragte dann, seeeehr langsam: „Well, Kathy, isn’t it embarassing running around with a last name like that?“ Das hatte ich verstanden und antwortete höflich, aber etwas indigniert: „No, no, we haff a famous poet wit a last name like dät.“

Leider war mir entgangen, daß die gesamte Schule dank des gepreßten „Boutchat“ von Mr. Wind davon ausging, mein Nachname würde „Bullshit“ lauten. Unfreiwillig ließ ich sie drei Tage in diesem Glauben, bis ich endlich hinter das Geheimnis kam und Aufklärungsarbeit leisten konnte.

Einige Monate später, ich war mittlerweile mehr wegen meiner überragenden Körperlänge und weniger wegen meines Talents in das Basketball-Team gewählt worden, sorgte mein Nachname für einen weiteren Eklat. Wir traten bei einem überregionalen Basketball-Turnier streng christlicher Schulen an und die Namen der Spielerinnen wurden beim Einzug auf das Spielfeld über Lautsprecher verkündet. Ganz wie bei den Großen. Der Kommentator tat sich sehr schwer mit meinem Namen und was am Ende laut durch die Halle schallte, klang schon wieder verdächtig nach Bullshit. Sofort brach ein Proteststurm empörter Eltern los, weil man davon ausging, ich hätte mir einen schlechten Scherz erlaubt bei der Angabe meines Nachnamens.

Bei den folgenden Turnieren einigte man sich darauf, mich als „Kathy from Germany“ in den Spielerlisten zu führen. Bei meinem Einlauf ertönte dann „Nuuuumber 55 – Kathy F. Germany“. Vor meiner Schulabschlußfeier habe ich tagelang mit dem Direktor die korrekte Aussprache von Borchert geübt, weil ich wenigstens einmal skandalfrei meinen Namen hören wollte. In die Schulgeschichte bin ich trotzdem eingegangen als Bullshit from Germany.

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