Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2006-02-19 - 16:39 - Ohne Pinguin, aber mit 20 Zentimetern aufs Eis

Wieder eine Ankündigung vorab: Heute gibt es einen neuen TechTalk von mir in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Und wie üblich schalten wir direkt von der Werbung ins Sendezentrum nach Hamburg:

Ich habe eine neue Phase eingeläutet, in der der innere Schweinehund durch ihm unbekannte Sportarten ausgetrickst wird. Schien mir ein ganz schlauer Plan zu sein, schließlich sind Schweinehunde ihrem schlechten Ruf zum Trotz neugierige Wesen, die gelegentlich ihren Kopf rausstrecken und sich dann erschlagen lassen. Vorübergehend zumindest. Nach Skilanglauf war vorgestern Eislaufen dran. Das ist strenggenommen keine ganz neue Sportart, weil ich als Kind häufiger auf einer überschwemmten Senke zwischen Acker und Eisenbahnschienen eine Art Hindernislauf auf Kufen um eingefrorene Äste herum praktiziert habe. Und 2001 bin ich mehr aus touristischen denn aus sportlichen Erwägungen vor grandioser Kulisse im Central Park übers Eis geschlittert.

Aber all das zählte nicht, als ich vorgestern die Leihschuhe anzog und wenig graziös armwedelnd immer in der Nähe der Bande über die Open-Air-Eisfläche im Planten un Blomen rutschte. Selten habe ich Kinder so sehr beneidet. Nicht nur, weil der Abstand zwischen Hintern und Eis wesentlich geringer ist, sondern vor allem, weil sie einen Hartplastikpinguin auf Kufen bekommen, der als Stütze vor ihnen gleitet. Der Leichtmatrose befindet sich zwar auch irgendwo auf dem Eis, ist mangels eigener Standfestigkeit aber so gar nicht als Pinguin geeignet. Als ich beim Verleih nach einem Pinguin für Erwachsene frage, guckt mich die Frau hinterm Tresen mitleidig an. Dann drückt sie mir wortlos einen Flyer für die „Dating on Ice Singleparty“ in die Hand.

Nach einer halben Stunde bewegt sich der Spaßfaktor immer noch im frostigen Bereich, was mittlerweile weniger an meinen unbeholfenen Bewegungen liegt, die ich mir als sportliche Betätigung schönzureden versuche, als vielmehr an der abenteuerlichen Musikauswahl des offensichtlich frischlufttrunkenen DJs. Er läßt Aerosmith gegen die BeeGees antreten und spielt zur Freude der drei anwesenden Teenager zwischendrin auch mal Scooter, was ihm mit lauten „Hyper, hyper“-Rufen gedankt wird. Als er die diversen Eisprinzessinnen im Vorschulalter mit einem mir bis dahin unbekannten Lied namens 20 Zentimeter („das sind nicht 20 Zentimeter, nie im Leben, kleiner Peter“) beschallt, bin ich sehr dankbar für meine Tagesplanung, die direkt im Anschluß an das Eisexperiment heißen Getränke und Minidickmanns in äußerst angenehmer und musikalisch gefestigter Gesellschaft vorsieht.

Die Jugend ist am Freitag mittag deutlich in der Minderheit. Das Eis gehört den Mittvierzigern, die mit heiligem Ernst Sprünge und Pirouetten üben, vor allem aber den Senioren, die eleganten Paartanz demonstrieren, saubere Achten in das Eis schleifen oder einfach nur zügig in Zweiergrüppchen ihre Runden drehen und dabei die Welt im Großen und Kleinen analysieren. Ich versuche zwischendurch vergeblich, mit zwei älteren Damen Gleitschritt zu halten. Die eine trägt eine enge Steghose und einen bunten Pulli und damit vermutlich genau den Look, den sie schon in ihrer Jugend bei solchen Gelegenheiten favorisiert hat. Ihre Freundin hat die Haare passend zur rostroten Jacke gefärbt, zu der sie selbstverständlich auch Schal, Handschuhe und Sonnenbrille passend gewählt hat. Prima, jetzt fühle ich mich unbeholfen und underdressed.

Allmählich finden sich auch drei einsame Zuschauer auf den steinernen Tribünenplätzen ein. Die älteren Herren sitzen alle getrennt, aber sie eint ihr Interesse an den Eisprinzessinnen, denen ihre gesamte Aufmerksamkeit gilt. Vielleicht sind es deren Großväter, vielleicht sind sie Großväter, die weit entfernt von der Familie leben und hier nur kurz ins Träumen geraten. Ich weiß nichts von ihnen, aber ich beobachte sie mißtrauisch und lasse meine Gedanken um sehr unschöne Themen kreisen. Für einen Moment verspüre ich deshalb einen Ekel mir selbst gegenüber, den ich sonst für Menschen reserviere, die beim Anblick von Schwarzen automatisch an Drogendealer denken.

15 Zwischenrufe | 0 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht